Sag zum Abschied leise sayonara

Heute ist mein letzter Tag in Kyoto. Morgen früh geht es zum Flughafen und mit einem kleinen Umweg (dazu später mehr) zurück Richtung Deutschland. Die zwölf Monate in Kyoto sind erstaunlich schnell vergangen. Aber vielleicht ist es so erstaunlich auch wieder nicht. Zeit hat bekanntlich die eigentümliche Eigenschaft, sich in unangenehmen Momenten endlos auszudehnen und in schönen Augenblicken mindestens doppelt so schnell zu vergehen. Eine Stunde in zahnärztlicher Behandlung dauert definitiv länger als eine Stunde in Gesellschaft von Freunden. So oder so, höchste Zeit für einen Rückblick. Oder ein Fazit. Oder irgendwas dazwischen.

Ich habe viel gelernt in diesem Jahr. Nicht notwendigerweise viel Japanisch. Das ist immer noch deutlich schlechter, als ich nach einem Jahr erwartet hätte, was mich lange frustriert hat. Aber inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass meine Begabung für diese Sprache offensichtlich nicht die allergrößte ist. Es hat immerhin gereicht, um durchs Land zu kommen und ein bisschen Smalltalk zu machen. Von Hokkaido ganz im Norden bis Okinawa ganz im Süden habe ich Japan stückchenweise durchquert und es sehr genossen, mich immer wieder auch abseits der üblichen Touristenpfade umschauen zu können. Japan ist ein sehr großes Land, was man gerne mal vergisst, weil es auf dem Globus zwischen so Giganten wie China und Australien auftaucht. Dabei ist alleine schon Hokkaido etwa halb so groß wie Deutschland. Und das ist nur eine von vier Hauptinseln. Von den tausenden kleinen Inselchen ganz zu schweigen. Es braucht also Zeit, sich hier umzusehen.

Meine neue große Leidenschaft: Vulkane

Auf meinen Reisen habe ich entdeckt, dass ich eine große Leidenschaft für brodelnde Berge habe. Wann immer auf meiner Route ein Vulkan zu finden war, bin ich hin. Zum Glück gibt es davon in diesem Land eine Menge. Gibt es etwas Majestätischeres, als einen fröhlich vor sich hin rauchenden Berg? Die Tatsache, dass dieser scheinbar so friedliche Berg auch anders kann, trägt natürlich zu seinem geologischen Sex-Appeal bei. Meinen Lieblingsvulkan, den Sakurajima, habe ich sogar zwei Mal besucht. Ungelogen, ich bin extra für einen Vulkan noch einmal ganz nach unten in den Süden Japans gefahren (okay, auf dem Weg lagen Highlights wie das Toilettenmuseum oder der Kawachi Wisteria Garten, die auch auf meiner Liste standen). Und jetzt muss ich dringend mal recherchieren, wie man eigentlich Vulkanologe wird.

Japan ist ein teures (Reise-)Land, und da ich kein Touristenvisum habe, komme ich auch nicht in den Genuss des günstigen Japan Railpass fürs Zugfahrten. Ich liebe die japanische Bahn wirklich. Wenn das deutsche Pendant nur halb so gut wäre, wäre ich schon zufrieden. Aber Pünktlichkeit, Sauberkeit und Geschwindigkeit haben ihren Preis. Vor allem Shinkansen-Tickets sind wirklich sehr, sehr teuer. Deswegen musste ich auf meinen Reisen an anderer Stelle sparen, und bin mit meinen zarten 44 Jahren in Hostels, Kapselhotels und traditionellen japanischen Unterkünften mit Gemeinschaftsbad abgestiegen – und habe mir da den Schlafsaal mit Mittzwanzigern geteilt. Vor allem am Anfang war das eine große Umstellung, weil ich sonst eher der Typ fürs Einzelzimmer bin. Aber Reisen bildet bekanntlich, und inzwischen bin ich in diesem Punkt ziemlich schmerzfrei. Und habe mein Gepäck auf einen mittelgroßen Rucksack herunterdestilliert, den ich zur Not mit in mein Etagenbett im Hostel nehmen kann. Womit ich einen klaren Vorteil gegenüber den asiatischen Ladies mit XXL-Rollkoffern habe. Apropos Gemeinschaftsbad: die berühmten öffentlichen heißen Bäder habe ich auch zu schätzen gelernt. Und finde es inzwischen herzlich normal, mit einer Gruppe wildfremder Frauen splitterfasernackt die Badewanne zu teilen.

Lust und Leid des Bloggens

Zu den wichtigsten Utensilien in meinem Reisegepäck gehörte mein Laptop. Schließlich wollte dieser Blog gefüllt werden. Weil ich mal „irgendwas mit Medien“ gelernt habe, habe ich die meisten Blogposts tatsächlich relativ locker runtergetippt. Nicht selten im Zug. Es hilft, wenn man eine Deadline in Form des Zielbahnhofs hat. Dieser Blog kam aber auch mit einer steilen Lernkurve. Nicht nur, was die Technik betrifft. Ich bin sonst eher jemand, der im Urlaub wenig und manchmal sogar gar keine Fotos macht, stattdessen bin ich einfach nur „da“. Das ist aber leider kein zielführendes Konzept, wenn man eine Website zu füllen hat. Stattdessen galt es, an jeder zweiten Ecke zu knipsen – man weiß ja nie, wann man mal genau dieses Motiv braucht. Gleichzeitig habe ich dank des Blogs aber auch viel mehr über Japan gelernt, als ich es ohne meine Website getan hätte, denn ich musste ja einiges an Hintergrundrecherche für meine Artikel betreiben.

Aber es gab auch Tage, da habe ich die Idee verflucht, mein Japan-Jahr mit einem Blog zu begleiten. Denn so ein Blog verlangt Disziplin und Planung, und ich habe etwas gebraucht, bis ich einen Rhythmus gefunden habe. Während der ersten Prüfungsphase im September bin ich kaum zum Schreiben gekommen. Aber ich habe meine Lektion gelernt und hatte fortan immer zwei, drei Artikel vorbereitet, die ich in solchen Zeiten veröffentlichen konnte. Viele tolle Erlebnisse haben es in diesen Blog geschafft, aber mindestens ebenso viele nicht. Einfach, weil ich eine Auswahl treffen musste. Und so stand hier nichts von meinem Besuch im Toyota-Werk oder meiner schwierigen Beziehung zum heiligsten aller Berge, dem Fuji. Ich habe nicht über den Hasen im Mond geschrieben und meine Fotosammlung (pseudo-)deutscher Namen für Geschäfte und Restaurants bleibt wohl ebenso unveröffentlicht wie die schönsten englischen Übersetzungsfehler.

Die Tücken des Alltags

Aber ich war ja nicht nur auf Reisen, sondern habe hier gelebt und den japanischen Alltag mitgemacht. Und der hielt einige Herausforderungen bereit. Als ich vor einem Jahr hier ankam, stolperte ich in den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnung im Jahr 1910. Gefolgt von einer Taifun-Saison, die es in sich hatte. Unter anderem habe ich dabei Bekanntschaft mit Jebi gemacht. So hieß der stärkste Taifun seit 25 Jahren, der Anfang September über Japan hinweg zog. Spätestens als Jebi anfing, das Wellblechdach vom Unterstand auf dem Friedhof gegenüber von meiner Wohnung durch die Gegend zu pusten, als wäre es nur ein Blatt Papier, war klar, dass die Sache ernst ist. Und es hat Monate gedauert, die Schäden zu beseitigen. Im Wald rund um den Fushimi Inari Schrein hier in Kyoto liegen bis heute noch von Jebi umgestürzte Bäume. Dagegen ging es in Sachen Erdbeben zumindest hier in Kyoto glimpflich zu in den letzten zwölf Monaten. Gerade mal ein einzelnes kleines Beben hat mich erschüttert. Sturm geklingelt hat dagegen eine Dame von der Regierung. Die hat nämlich eine Umfrage zur Wohnsituation in Japan gemacht, und ich war tatsächlich gesetzlich verpflichtet, den Fragebogen dazu auszufüllen. Meine 15 Quadratmeter haben hoffentlich einen entscheidenden Beitrag geleistet.

Etwas enttäuschend war der kaiserlicher Thronwechsel Ende April. Ich hatte erwartet, dass das Land feiert, wie das in Europa üblich ist. Aber der alte Kaiser hat im engsten politischen Kreis abgedankt, der neue sehr unprätentiös den Thron bestiegen. Keine Straßenfeste, kein Autokorso und keine Kutschfahrt in der Hauptstadt. Auch sonst sind Feiertage hier eher unbemerkt verstrichen, denn die Geschäfte haben einfach immer auf. Sieben Tage die Woche. Und gerade an Feiertagen lieben die Japaner es, zu shoppen. Das wird in der Tat eine Umstellung für mich. In Sachen Service – nicht nur beim Shoppen, sonder grundsätzlich – kann es in Deutschland auch nur schlechter werden. Woran ich mich auch wieder werde gewöhnen müssen: in Deutschland kann man nicht quer über eine Kreuzung gehen, sondern muss brav zwei Ampelphasen abwarten, wenn man nach schräg gegenüber will. Einen Perspektivwechsel wird es für mich zukünftig beim Blick auf die Welt geben. Ich nehme mir nämlich eine Weltkarte mit nach Hause, bei der – wie auf dem Bild ganz oben – Japan und nicht Europa im Mittelpunkt steht.

Der lange Heimweg

Für meine Rückkehr nach Deutschland werde ich mir etwas besonderes gönnen: 26 Tage auf hoher See. Denn morgen fliege ich nicht nach Deutschland, sondern nach Singapur. Dort geht es einen Tag später auf ein Frachtschiff, mit dem ich ganz gemütlich Richtung Hamburg schipper. Ja, richtig gelesen! Auf einem Frachtschiff. Nein, ich muss nicht arbeiten für meine Überfahrt, man bucht das über ein Spezialreisebüro und darf als zahlender Gast an Bord, nur ohne Animationprogramm, Kino und Kapitänsdinner (und genau deswegen habe ich ein Frachtschiff und keine Kreuzfahrt gebucht). Ich reise viel und gerne, fand es aber immer schade, dass einem das Gefühl für die Distanz verloren geht. Man steigt in Deutschland in einen Flieger ein, und drei bis vier nicht unbedingt anspruchsvolle Filme später steigt man auf einem anderen Kontinent wieder aus. Dieses eine Mal möchte ich erleben, wie weit ich wirklich weg bin. Und ein Mädchen sollte sowieso einmal im Leben durch den Suezkanal geschippert sein. Leider kann man in Japan nicht als Passagier aufs Schiff, weil einem im Hafen keiner den Pass stempelt, deswegen geht es ab Singapur los. Wer möchte, kann meine Reise hier verfolgen. Von Singapur aus geht es mit Stopps in Spanien, Frankreich und England in die Hansestadt. Im Gepäck: viele, viele Bücher.

Frachtschiff
Mein Frachter wird größer sein, sehr viel größer … dafür habe ich unterwegs weniger Laternen … und hoffentlich besseres Wetter!

Der Abschied von Japan fällt mir ehrlich gesagt leichter, als erwartet. Ich habe meine Zeit hier sehr genossen und bin dankbar, dass ich diese Möglichkeit hatte. Aber inzwischen bin ich auch schon so lange hier, dass nicht mehr alles nur noch neu, aufregend und exotisch ist. Ich war diese Woche noch einmal in meinem Lieblingsschrein Fushimi Inari für eine kleine Abschiedsrunde. Aber ehrlich gesagt habe ich mich mehr über die Masse an Touristen geärgert, die einen mit ihren Selfie-Sticks fast umhauen, als den Schrein genossen. Ein sicheres Zeichen, dass es Zeit für etwas Neues ist (und ja, ich bin mir durchaus der Tatsache bewusst, dass ich selber eigentlich auch nur ein Tourist deluxe bin).

Ich habe in diesen zwölf Monaten wahnsinnig viel gesehen und erlebt (erstaunlich oft waren dabei Tiere involviert, stelle ich gerade fest), und vor allem die touristisch nicht so überlaufenen Ecken sehr genossen. Es stehen nur noch ein paar wenige Dinge auf meiner to-do-Liste, und ich kann damit leben, dass ich sie nicht ganz abgearbeitet habe. Entlang des Weges bin ich im Gegenzug oft zufällig auf tolle andere Dinge gestoßen. Es ist schwer, Highlights zu benennen. Aber mal abgesehen von meinem Vulkan-Fetisch hatte ich eine wirklich gute Zeit beim Sumo, muss beim Gedanken an Tama immer noch grinsen, fand meine Fahrt mit dem Eisbrecher einfach toll, bin zwei Mal zu den verheirateten Felsen gefahren und noch immer beeindruckt von der Höhlenkunst der Ureinwohner Hokkaidos. Außerdem möchte ich irgendwann gerne noch einmal nach Okinawa zurück kommen. Bis dahin freue ich mich aber erst einmal auf deutsches Roggenbrot und anständigen Käse, eine Wiedersehen mit Freunden und natürlich und vor allem auf den Mann.

Danke und vielleicht auf Wiedersehen

Ich möchte mich bei allen bedanken, die meinen Blog über die letzten zwölf Monate verfolgt haben und online wie offline Kommentare geschrieben und mir Feedback gegeben haben. Es hat Spaß gemacht, hier meine Erlebnisse zu teilen, und es hat hoffentlich auch Spaß gemacht, darüber zu lesen. Tatsächlich hatte ich so viel Spaß, dass ich schon eine neue Blog-Idee ausbrüte, die nach meiner Rückkehr ihre virtuelle Geburt erleben soll. Vorher will ich die Schiffsreise nutzen, um ein bisschen am Konzept zu feilen. Wer neugierig ist, kann sich jetzt noch über den Kasten in der Seitenleiste (einfach oben auf „mehr“ klicken) in den Newsletter eintragen. Ich schicke dann eine Mail raus, wenn der neue Blog online ist. Eine einzige, versprochen! Der neue Blog wird dann unter anderem auch einen ausführlichen Rückblick auf meine Schiffsreise enthalten.

So oder so: Vielen Dank – und vielleicht auf Wiedersehen!

Und das allerletzte Wort, das sollen andere haben:

Takinoue Abschied

5 Gedanken zu „Sag zum Abschied leise sayonara

  1. Liebe Sabine, soeben ist deine Karte angekommen. Herzlichen Dank! Bis bald und dann in Bonn – freue mich. Ich wünsche dir eine schöne Rückreise. Lg Angela

  2. Liebe Sabine, wir waren ja sogar kurz Teil Deines Abenteuer- Jahres und fanden das toll . Jetzt lesefreudige Rückreise mit nicht zu starkem Maschinenlärm, und gern wollen wir auch Schiffsfotos sehen !! Solche grossen Kähne kennt man ja sonst nur auf Abstand.
    Fröhliches Abschiedswinken von Heidi, Jochen und Dieter …

  3. Vielen Dank, Sabine, für das spannende gebloggt Jahr! Habe sehr gerne daran teilgenommen und auch alle Posts gelesen 🙂
    Und jetzt eine super Rückreise: mögen wenige Taifuns und Monsuns über die Meere peitschen, viele Wale mit ihren Kälbern am Frachter vorbei schwimmen und nicht vergessen: viel Ingwer gegen die Seekrankheit einpacken!
    Arigato diamas!
    Pascal

    1. Lieber Pascal,
      vielen lieben Dank und an Dich ein herzliches Dankeschön für Deine vielen Kommentare in den letzten zwölf Monaten.
      Tot ziens!
      Sabine

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