Einschulung

Diese Woche ging für mich die Schule los. Eine Schuluniform muss ich – anders als japanische Kinder und Jugendliche – zwar nicht tragen. Aber ansonsten sind die Regeln streng und Nichtbefolgung wird im Zweifel mit der sofortigen Ausweisung aus Japan geahndet. Jeden Tag wird ein Test geschrieben, und am Freitag sind es sogar zwei. Wer am Ende des Quartals das Abschlussexamen nicht besteht, bleibt sitzen und muss die letzten drei Monate wiederholen. Ach ja: für all das zahlen die Schüler natürlich sehr! viel! Geld!

In meiner Klasse sind wir 13 Schüler aus neun Nationen. Der Jüngste ist 19, die Älteste (not me!) 44, wobei erstaunlich viele Ende 20 bis Mitte 30 sind. Ich hätte auf einen jüngeren Durchschnitt getippt. Insgesamt sind an der Schule Chinesen, Taiwanesen und Koreaner stark vertreten, aber das dürfte natürlich der Nähe zu Japan und damit dem wirtschaftlichen wie touristischen Potenzial geschuldet sein, das Japanisch-Sprachkenntnisse attraktiv macht. Gleich zwei Mal wurden uns Neulingen in den letzten Tagen die Schulregeln vorgestellt. Am Tag des Einstufungstests und am ersten Schultag nicht ganz eine Woche später direkt nochmal. Die Liste der Ver- und Gebote ist lang. Hier die wichtigsten im Überblick:

Du sollst hinreichend anwesend sein oder Du musst Japan Hals über Kopf verlassen

Kein Scherz! Wer nicht regelmäßig am Unterricht teilnimmt, fliegt von der Schule. Wer nicht an einer Schule eingeschrieben ist, dessen Studentenvisum wird für ungültig erklärt und er muss Japan sofort verlassen. Und selbst wer brav in die Schule geht, darf an den letzten Schultag nicht einfach noch Urlaub dranhängen, sondern muss dann bei der Einwanderungsbehörde seinen Status offiziell von Student in irgendwas anderes ändern lassen. Zur Berechnung der Anwesenheitsquote (es müssen unbedingt über 90% sein), wurde uns eine offizielle Berechnungsformel an die Hand gegeben. Da ich schon immer schlecht in Mathe war, lerne ich mal lieber fleißig Vokabeln und sehe zu, jeden Tag pünktlich zur Schule zu kommen. Denn wer mehr als 20 Minuten zu spät kommt oder eher gehen muss, dem wird die ganze Stunde als abwesend angerechnet. Gleiches gilt für Schlafen im Unterricht (ja, es gibt so Leute, ich habe einen im Kurs). Ach ja: es wird einmal im Jahr der „Perfect Attendance Award“ verliehen. Nach der ersten Woche bin ich immerhin noch im Rennen!

Du sollst keine Schande über Deine Schule bringen

Im ausgeteilten Handbuch steht ausdrücklich, dass man auch von der Schule fliegt, wenn man „die Ehre und Reputation der Schule verletzt“. Dann folgen Beispielfälle von Schülern, die beim Ladendiebstahl verhaftet wurden oder mehr Stunden in ihrem Nebenjob gearbeitet haben als die Polizei erlaubt. Nein, die mussten sich nicht in ein Schwert stürzen. Nur sofort das Land verlassen (siehe oben).

Du sollst keine Radiergummikrümel auf den Boden werfen

Es hängt tatsächlich nebenstehendes Schild in der Schule aus, und es wurde bei der Einführung auch nochmal ausdrücklich erwähnt. Wir dürfen selbst unsere Tests mit Bleistift schreiben und radieren, was das Zeug hält. Aber bitte die Krümel nicht auf den Boden fegen, sondern in den Mülleimer auf dem Flur werfen. Besonders gefällt mir auf dem Schild das Verbot, mit Radiergummikrümeln Bilder zu legen. Aber ich nehme an, die haben schon alles erlebt. Mein Traum vom Eintrag ins Guinness-Buch, weil ich das weltgrößte Radiergummikrümel-Mandala gelegt habe, ist damit auch geplatzt.

P.S. Gibt es eigentlich eine vom Duden anerkannte offizielle Bezeichnung für Radiergummikrümel? Sachdienliche Hinweise gerne über die Kommentarfunktion. Dann haben alle was davon.

Du sollst Deinen Müll trennen

Wurde uns gefühlte zehn Mal in vier (!) Sprachen erklärt (Japanisch, Englisch, Chinesisch, Koreanisch), die vier Mülleimer auf jeder Etage sind immerhin zweisprachig in Japanisch und Englisch beschriftet – aber als passionierte Mülltrennerin (eine deutsche Sozialisierung ist in diesem Punkt hilfreich) muss ich sagen: einige Nationen hauen einfach alles in den erstbesten Eimer und denken sich nix dabei.

Du sollst nicht vor der Schule rumstehen und dabei womöglich noch reden

Absolut und streng verboten. Auch der Parkplatz nebenan ist ein No-Go. Vor den Nachbarhäusern haben wir auch nicht rumzulungern. Woran erkennt man also die Sprachschüler? Alle, die 1. nicht japanisch aussehen und 2. sehr bemüht nicht vor der Schule rumstehen, lernen genau da Japanisch. Meist rottet es sich vor dem Minimarkt ein paar Häuser weiter zusammen, der sich an uns wahrscheinlich eine goldene Nase verdient. Hat mal jemand geprüft, ob die Schulleitung mit den Minimarktbesitzern verschwippschwägert ist?!

Du sollst nicht mit dem Rad zur Schule kommen

Während der Einführung wurde ausführlich darüber geredet, welche Regeln fürs Radfahren in Kyoto gelten. Ewig lang. Nur, damit dann die Ansage kommt, dass es verboten ist, mit dem Rad zur Schule zu kommen. Ich nehme an, die Nachbarn, die sich über vor der Schule redende Schüler beschwert haben, mögen auch keine Fahrräder.

Du sollst Deine Mitschüler beklatschen

Ab und an überkommt es unsere Lehrerinnen, und nach den üblichen Rollenspielen, die so ein Sprachkurs mit sich bringt (der Deutsche im Lehrbuch heißt übrigens Schmidt, trägt Schnauzer und Übergewicht und ist – klar – Ingenieur!), klatschen sie plötzlich. Da bleibt der Klasse nichts anderes übrig, als mit zu klatschen.

Du sollst täglich einen Test schreiben

Am Ende jedes Tages wird das soeben gelernte in einem Test abgefragt. Freitags startet der Tag mit einem Test zu den Lehrinhalten der ganzen Woche. Selbstredend endet der Freitag dann noch mit dem Tagestest zu dem, was zwischen Test 1 und Test 2 durchgenommen wurde. In den ersten Wochen müssen wir zudem jeden Tag fürs Hörverständnis noch einen „Mini Testo“ (wie es auf Japanisch heißt) schreiben und zehn Worte notieren, die unsere Lehrerin vorliest. Dabei geht es darum, den Unterschied zwischen zum Beispiel einem weichen und einem scharfen „s“ oder zwischen einem „shi“ und einem „chi“ zu hören. Bei bis zu drei Tests am Tag fallen natürlich eine Menge Radiergummikrümel an …

Du sollst kein Toilettenpapier stehlen

Auch wenn Japan grundsätzlich ein teures Land ist, auf die Idee käme ich im Leben nicht. Aber andere offensichtlich schon. Denn dieses Schild hängt in jeder Toilettenkabine und am Waschbecken auch gleich nochmal. Mir gefällt besonders gut die Tatsache, dass Ausländer zwar Barbaren mit sehr eigenen Ansichten zum Thema Eigentumsrechte sind, gleichzeitig aber kulturell so integriert sind, dass sie das Beutegut urjapanisch in einem bedruckten Tuch (Furoshiki) abtransportieren.

Das klingt nun alles wahrscheinlich schlimmer, als es tatsächlich ist. Die Schule ist klein, soweit ich bisher beurteilen kann gut organisiert, und die überwiegend jungen Damen, die uns unterrichten, sind sehr engagiert. Davon abgesehen: bei aktuell bis zu 38 Grad will sowieso niemand in der prallen Sonne vor der Schule rumstehen. Der Minimarkt ist da wenigstens klimatisiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.