Kyoto Sightseeing: Der älteste Manga Japans

Sie gelten als ältester Manga Japans: vier Schriftrollen voller Zeichnungen von Tieren in teils sehr menschlichen Posen sowie Menschen in recht albernen Situationen. Die Rollen heißen chōjū-jinbutsu-giga – oder chōjū-giga in der Kurzversion – und sind in einem Tempel am Rande Kyotos zu finden. Genauer gesagt im Kōzan-ji Tempel in Takao, nicht ganz eine Stunde Busfahrt vom Stadtzentrum entfernt.

Takao liegt in den Bergen und der Tempel mitten im Wald. Man muss ihn nur erst finden. Denn wenn man von der Bushaltestelle aus die Straße entlang läuft, ist der entscheidende Wegweiser nur auf Japanisch beschriftet. Und während ich die Schriftzeichen für einen Shinto-Schrein schon entziffern kann, habe ich die für einen buddhistische Tempel noch nicht gelernt. Da hilft nur Plan B: man folge den japanischen Touristen, die plötzlich scharf abbiegen.

Von der Straße aus ist der Tempel nicht zu sehen, nur eine steinerne Treppe, die in den Wald führt. Vorbei an zwei großen Steinlaternen geht es zum Kōzan-ji. Den Tempel gibt es seit dem Jahr 774, allerdings wurde er mehrmals ganz oder teilweise zerstört und wieder aufgebaut. Vor der Tür werden die Schuhe ausgezogen, und für die Besichtigung der Kunstschätze (neben den Schriftrollen gibt es hier noch einige Antiquitäten zu sehen) werden 800 Yen Eintritt fällig (nicht ganz 6,50 Euro). Unbezahlbar ist der Ausblick.

Denn die Kunstwerke sind in einem Gebäude untergebracht, bei dem bei schönem Wetter die Seitenwände herausgenommen werden. Nach der Besichtigung der kleinen aber feinen Kollektion kann man sich auf den Tatamimatten niederlassen und über den Tempelgarten hinweg auf Wälder und Berge schauen. Alleine dafür lohnt sich der Besuch schon. Und alleine dafür kommen auch Menschen extra nach Takao. Im Herbst, wenn sich die Ahornbäume rot färben, nimmt der Tempel 500 Yen Eintritt nur für das Betreten des Geländes (der Tempeleintritt geht extra). Denn dann strömen die Städter in die Berge, um sich an Mutter Naturs Farbpalette zu erfreuen. Und ich fürchte, dieses Jahr werde ich auch dazu gehören.

Frust im Job als Inspiration

Aber zurück zur Hauptattraktion, den Ur-Manga. Am bekanntesten ist die erste der vier Rollen, die Frösche, Hasen, Füchse und Affen in priesterlichen bzw. höfischen Gewändern darstellt und sich über diese Berufsgruppen lustig macht. Sie ist insgesamt 11 Meter lang, zu sehen ist aber nur ein Ausschnitt. Wie Manga in Buchform heute auch noch werden die Rollen von rechts nach links „gelesen“. Auf dem Bild ganz oben schön zu sehen sind die Linien um den Frosch, die andeuten, dass dieser sich schnell bewegt. Das kennt man aus heutigen Manga bzw. Comics. Rechts sieht man Hase und Frosch beim Sumo. Wobei das Beißen in die Ohren eindeutig gegen die Regeln verstößt. Erst recht, wenn man selber keine hat, in die man zurück gebissen werden könnte.

Die ersten beiden Schriftrollen stammen aus dem 12. Jahrhundert, die beiden anderen aus dem 13. Jahrhundert. Experten gehen davon aus, dass jeweils mehrer Künstler an den Rollen gearbeitet haben. Es könnten, so eine Theorie, Maler bei Hofe gewesen sein, die mit den Karikaturen ihren Frust abbauten. Womit dann wohl bewiesen wäre, dass in der guten alten Zeit nicht alles besser war. Defizite in der Personalführung scheinen eine lange Tradition zu haben.

Dass die Rollen – und vor allem die erste – als Mutter aller Manga gelten, liegt daran, dass sich der Begriff von den Worten für komisch und Bild ableitet und Manga qua Definition den Zweck der Unterhaltung haben. Da die Rollen ohne Text daherkommen und offensichtlich nur der Belustigung des Betrachters dienen, wurden sie mit dem Titel erster Manga Japans geadelt. Während sich auf der ersten Rolle eine bizarre Szene an die andere reiht, ist der Unterhaltungsfaktor der anderen Rollen allerdings etwas geringer. Eine der Rollen zeigt noch Menschen in teils albernen Situationen (siehe auch ganz unten), auf den anderen beiden sind dagegen Menschen bzw. Tiere dargestellt, die sich relativ normal verhalten. Die lokale Souvenier-Industrie nutzt daher auch fast ausschließlich Ausschnitte der ersten Rolle für ein äußerst diverses Angebot …

Noch mehr Tempel in Takao

Der Kōzan-ji ist nicht der einzige Tempel in der Waldeinsamkeit von Takao. In seiner Nachbarschaft gibt es zwei weitere, und man kann sie alle mit einem ausgedehnten Spaziergang durch den Wald bzw. die kleinen Dörfer besichtigen. Den kleinen Saimyō-ji habe ich nur von außen angeschaut. Der Weg dorthin führt über eine schöne geschwungene Brücke über den Fluss. In den größeren Jingo-ji Tempel bin ich auch hinein gegangen (500 Yen Eintritt). Man muss dazu ein bisschen den Berg hinauf, der Weg ist zwar gut ausgebaut, aber trotzdem kommt man hübsch aus der Puste. Besonders beeindruckend im Jingo-ji ist die Kondō Halle (oder auch Goldene Halle). Sie ist reich verziert und beherbergt prächtige Statuen. Auf dem Rückweg kommt man an zwei Nudelrestaurants vorbei. Ich habe in dem (von oben kommend) zweiten eine herrliche Nudelsuppe gegessen. In dem kleinen Familienrestaurant kann man beim Kochen zuschauen, denn die Küche ist nur durch einen Tresen von der Terrasse abgetrennt. Suppe und Getränk haben dabei gerade einmal 1.000 Yen gekostet.

Die Anreise: Ab Kyoto Hauptbahnhof mit dem JR Bus (im Japan Rail Pass enthalten) oder ab Shijo Karasuma mit dem Stadtbus Nummer 8.

Mehr zum Thema Manga in meinem Blogpost zum Besuch im Mangamuseum in Kyoto.

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