Sakurajima – Tanz auf dem Vulkan

Wer schon immer mal auf einem aktiven Vulkan tanzen oder zumindest spazieren gehen wollte, dem kann in Japan ganz einfach geholfen werden. Über 100 aktive Vulkane verzeichnet das Inselreich, und einer davon ist der Sakurajima ganz im Süden des Landes. Er raucht mehr oder weniger kontinuierlich und kleinere Eruptionen gehören zum Alltag der Menschen, die hier leben. Über 600.000 sind es in der Bucht rund um den Vulkan, etwa 4.000 Einwohner hat die Vulkaninsel selber, die den hübschen Namen „Kirschblüteninsel“ trägt – und eigentlich keine Insel mehr ist. Denn bei einem der letzten großen Ausbrüche des Vulkans floss so viel Lava, dass die Insel damit den Anschluss an Kyūshū, eine der vier japanischen Hauptinseln, schaffte.

Auch wenn der Vulkan nun also keine Insel mehr ist, reist man doch am einfachsten mit dem Schiff an. Denn er liegt direkt vor Kagoshima, Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur und Endhaltestelle der Shinkansen-Verbindungen in den Süden Japans. Danach kommen nur noch die Fähren nach Okinawa. Oder eben zum Sakurajima, denn die Landverbindung ist von hier aus gesehen auf der Rückseite der einstigen Insel. Das wäre eine lange Fahrt entlang der Bucht, aber ab Kagoshima fahren alle 15 Minuten Autofähren rüber auf den Vulkan.

Mein Tag fängt zunächst aber mit einem einzigartigen Sonnenaufgang an, denn das kleine Guesthouse, in dem ich ein Zimmer gemietet habe, liegt direkt hinterm Hafen. Aus der vierten Etage blicke ich auf den Vulkan. Und er raucht fröhlich in den Sonnenaufgang hinein. Eine Viertelstunde braucht die Fähre, dann betrete ich offiziell einen aktiven Vulkan. Die Dame in der Touristeninfo hat zwar zwei Jahre in Düsseldorf gelebt, wie wir feststellen, plaudert aber unverdrossen auf Japanisch auf mich ein. Bewaffnet mit Busfahrplan und Inselkarte ziehe ich los. 

Trampen auf japanische Art

Der Plan sieht so aus: ein Stück mit dem Linienbus, dann zu Fuß ein bisschen den Berg rauf zum Observatorium. Der Realität dagegen: ein Stück mit dem Linienbus, dann quäle ich mich entlang der Straße bergauf Richtung Observatorium – und der Weg scheint kein Ende zu nehmen. Plötzlich hält ein qietschegelbes Auto neben mir. Ein freundlicher Herr von der Inselverwaltung bietet mir an, mich mitzunehmen. Ich beschließe, dass die Regel, nicht bei fremden Männern ins Auto zu steigen, nicht gilt, wenn die fremden Männer höfliche japanische Verwaltungsmitarbeiter sind. Wenige Minuten später halten wir am Observatorium. Zu Fuß hätte das noch mehr als eine Stunde gedauert. Der nette Herr ermahnt mich, für den Rückweg den Bus zu nehmen. Ich bedanke mich, er nickt und ist weg. Er muss am Observatorium eine Tür reparieren.

Das Observatorium ist der Punkt, an dem man am dichtesten an den Vulkan kommt. Aus Sicherheitsgründen gibt es eine Sperrzone um den Gipfel. Denn der Sakurajima beschränkt sich nicht nur darauf, nett zu qualmen. Später lerne ich im Besucherzentrum, dass die Kinder auf der Insel zur Schuluniform einen Helm tragen müssen, denn ab und an fliegt schonmal Gestein durch die Luft. Auch gibt es rund um die Insel, die eine Umfang von etwa 36 Kilometern hat, nicht weniger als 20 kleine Häfen, in denen im Zweifel Schiffe zur Evakuierung der Bewohner anlegen können.

Nach den pflichtschuldigen Fotos vom Krater bleibt bis zur Abfahrt des Busses noch Zeit für den Shop. Neben mit Vulkanasche gefüllten Kühlschrankmagneten gibt es Gebäck mit Mandarinen und eingelegten Rettich. Beides Spezialitäten der Inseln, denn der Vulkan hat fruchtbare Erde hinterlassen. Der Rettich von Sakurajima ist im Guiness Buch der Rekorde offiziell als größter der Welt verzeichnet. Die Mandarinen dagegen sind winzig, aber herrlich süß. Es ist gerade Erntesaison und man kann an der Straße kleinen Tütchen für noch kleineres Geld mitnehmen. Ich nehme außerdem ein bisschen Asche mit. Nicht aus dem Shop. Die liegt hier überall am Straßenrand.

Fußbad mit Vulkanblick

Mit dem Bus geht es zurück zum Hafen. Von hier aus ist es ein kurzer Spaziergang zum Besucherzentrum, das – übrigens kostenlos – über die Inselgeschichte informiert. Sakurajima besteht eigentlich aus zwei Vulkanen, lerne ich. Der nördliche Vulkan hat vor etwa 26.000 Jahren die Insel geschaffen und war bis vor 5.000 Jahren aktiv. Vor etwa 4.500 Jahren verlagerte sich der Krater dann nach Süden, und dieser Vulkan ist bis heute aktiv. Modelle zeigen, wie die Insel sich bei den letzten drei großen Ausbrüchen in den Jahren 1779, 1914 und 1946 kontinuierlich vergrößert hat. 1914 schaffte der Vulkan dabei den Übergang zur Insel Kyūshū. Ich beschließe den Besuch im Shop (wo sonst?) und erwerbe schwarzen Tee mit Mandarine, getrocknete Mandarinen und Mandarinen-Sorbet.

Mein Eis genieße ich ein paar Meter weiter. Hier gibt es ein Freiluft-Fußbad mit Vulkanblick. Vulkanisch erwärmtes Wasser wird in ein langes Becken gepumpt, das an beiden Seiten mit Sitzplätzen ausgestattet ist. Genutzt werden kann es gratis. Die Sonne strahlt, man kann hier im Januar auch ohne Jacke sitzen, und der Vulkan raucht fröhlich vor sich hin. Rumpeln will er heute nicht, das Besucherzentrum verzeichnete aber schon drei Ausbrüche für 2019.

Nächster Stop: der Schrein. Der nicht immer an dieser Stelle am Hafen stand. Aber der Vorherige wurde beim Vulkanausbruch von 1914 unter Lava begraben. Neben dem Schrein ist ein kleiner Hügel, auf den eine Treppe hinauf führt. Das hätte man mal eher wissen müssen, denn der Blick von hier auf den dampfenden Krater ist auch nicht schlechter als vom Observatorium.

Wenn Saurier leise weinen

Der Tag ist schon halb vorbei, aber eine Attraktion möchte ich mir nicht nehmen lassen. Es gibt einen – ebenfalls kostenfrei zu besichtigen – Dinosaurier Park. Im Internet fand ich Rezensionen, die einen Besuch dringend empfehlen, weil es so schlecht wäre, dass es schon wieder gut ist. Es geht nochmal steil den Berg hinauf, aber der Blick lohnt sich. Erst kann man das Panorama auf den Fährhafen auf der einen und Kagoshima auf der anderen Seite genießen. Dann ein paar Meter weiter einen wunderbaren Blick auf den Krater. Die Saurier sind in der Tat herrlich schlecht. Der T-Rex sieht aus, als würde er gleich weinen. Wahrscheinlich hat er angesichts des rauchenden Vulkans im Hintergrund Angst, kurzfristig auszusterben.

Es wird Zeit, die Fähre zurück zu nehmen. Mit meinem Insel-Busticket bekomme ich sogar Rabatt, statt umgerechnet 1,30 Euro schipper ich für einen schlappen Euro über die Bucht. Im Shinkansen Richtung Osaka erlebe ich dann noch einen Service der besonderen Art. Zwischen dem Startbahnhof Kagoshima und dem ersten Stopp des Zuges geht eine freundliche Zugbegleiterin durch die Reihen und bietet an, die Gäste zur fotografieren. Dazu darf man ein Pappschild hochhalten, auf dem der Sakurajima und der Shinkansen, in dem man gerade sitzt (es gibt verschiedene Baureihen), abgebildet sind. Nun male ich mir aus, wie dieser Service bei der Deutschen Bahn aussehen könnte. Ein Bild von Elbphilharmonie und ICE, dazu der Untertitel: Deutsche Bahn – immerhin noch ein kleines bisschen pünktlicher als die deutsche Bauindustrie.

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