Kapselhotel

Es sieht ein bisschen aus wie auf einer Raumstation, ist aber meine Hotel in Tokyo. Ich habe mich in einer japanischen Spezialität eingebucht: dem Kapselhotel. Was nichts anderes ist als ein gigantischer Schlafsaal mit futuristischer Anmutung und ohne Tageslicht. Hier wird geschlafen, und das manchmal sogar in zwei Schichten.

Das Hotel liegt im wuseligen Viertel Shinjuku. Die Rezeption befindet sich in der achten Etage – der einzigen Etage mit Fenstern. Man blickt auf Hochhäuser und die Züge, die in den Bahnhof um die Ecke einfahren. Ein bisschen erinnert mich das Bild an Berlin. Abends, wenn es dunkel wird und die Neonreklamen blinken, ist es mit der Ähnlichkeit vorbei. Beim Einchecken bekommt man eine Kapsel zugewiesen, die hier Sleep Pod heißt. Dazu gehört ein Spind im Vorraum. Ich bekomme eine Tasche überreicht, in der sich zwei Handtücher, ein Paar Pantoffeln, eine Zahnbürste und ein Schlafanzug befinden. Letzterer heißt hier allerdings Lounge Wear, auch wenn ihn niemand in der Lounge trägt. Dazu später mehr.

52 Betten und keine Türen

Ich komme mittags an, ab 13 Uhr kann man einchecken, und ich mache mich direkt mal auf, den Schlafsaal zu erkunden. Die Kapseln sind aus Plastik gegossen, das Kopfende ist abgerundet. In die unteren Kapseln muss man krabbeln, die oberen sind über vier Stufen zu erreichen. Ich schlafe oben. Der Pod ist groß genug, so dass ich problemlos darin sitzen kann. Ich weiß aber nicht, ob er für größere Menschen auch lang genug ist. Die Maße sind eher japanisch. Es gibt eine Steckdose, einen Lichtschalter für das Licht in der Kapsel selber (der Raum als solcher ist die ganze Nacht gedämpft beleuchtet) und zwei Aussparungen an den Seiten, in die man kleine Dinge wie die Ohrstöpsel legen kann. Für eine kleine Flasche Wasser reicht es nicht, die muss man mit ins Bett nehmen. Außerdem steckt in dem schwarz abgesetzten Streifen am Kopfende die Lüftung. Am Fußende gibt es ein Rollo, mit dem man sich von seinen Nachbarn … ähm … abkapseln kann. Privatsphäre ist nicht. Wenn der Nebenmann hustet, ist man live dabei. Wer quatscht, wird direkt aus diversen Kapseln angezischt. Insgesamt hat der Schlafsaal 52 Pods. Halleluja! Ich habe einen leichten Schlaf und werde bei jedem Geräusch wach.

Männlein und Weiblein schlafen auf getrennten Etagen. Auch Paare müssen sich hier voneinander verabschieden, an der Rezeption trennen sich die Wege. Die Damen fahren ab hier mit dem linken Aufzug, die Männer mit dem rechten Lift weiter zu ihren Betten. Auf der Etage mit den Pods – für die Damen sind das die fünfte und sechste – gibt es je drei Toiletten. Zum Duschen müssen wir mit dem Aufzug in die siebte Etage fahren. Die Duschkabinen sind abschließbar und haben einen kleinen Vorraum zum Umziehen. Es gibt dazwischen eine Reihe Waschbecken, einige Spiegel zum Föhnen bzw. Schminken und weitere Toiletten. Alles ist erstaunlich sauber (auch wenn die Decke einen Wasserschaden hat) und zu meinen Aufstehzeiten (eher früh) waren höchsten drei, vier andere Damen mit mir unterwegs. In den Duschen stehen Duschgel, Shampoo und Conditioner zur Verfügung. Etwas nervig ist, dass man zwischen den Etagen ausschließlich mit dem Fahrstuhl verkehren kann. Es gibt nur einen einzigen Aufzug, der die zwei Schlafetagen, die Duschen und die Rezeption miteinander verbindet. Und ich denke lieber nicht darüber nach, dass die Fahrstühle kameraüberwacht sind, und die Rezeption mich daher jeden Tag im Schlafanzug und ungekämmt sieht.

Ab ins Bett

Ich sage es mal, wie es ist: wirklich gut geschlafen habe ich nicht. Die Plastikkapsel wirkt wie ein Verstärker. Wenn einer oben am Gang hustet, hört man das unten noch. Wenn einer schnarcht, kriegen das alle mit. Trotzdem gab es einige schmerzfreie Zeitgenossinnen, die zu so schönen Zeiten wie 00:15 Uhr oder 04:40 Uhr meinten, in ihrer Kapsel telefonieren zu müssten. Und das waren keine Japanerinnen, die sind nämlich höflich. Eher die chinesische Fraktion. Wenn rechts oder links von mir einer in die obere Kapsel klettert, fühlt es sich in meinem Pod an, als hätten wir gerade mal wieder ein Erdbeben. Wer problemlos im Hostel durchschläft, der kann auch hier schlafen. Wer wie ich eher die Einzelzimmerfraktion ist, sollte den Schlafsaal nicht mit 51 anderen teilen.

Interessant ist das Publikum im Hotel. Die ausländischen Gäste sind eher jünger und müssen aufs Geld achten. Die Japanerinnen kommen dagegen auch im gesetzteren Alter. Bei den Herren waren auch eine Reihe Geschäftsleute dabei, die mit nichts weiter als dem Aktenkoffer reisten. Mehr braucht es auch nicht in einem Hotel, das Zahnbürste, Shampoo und Schlafanzug stellt. Der Ausflug in die wunderbare Welt des Gemeinschaftsschlafsaals hat weitere erhellende Sozialstudien ermöglicht. Ich reise je gerne mit leichtem Gepäck, aber viele meiner Geschlechtsgenossinnen kamen mit Koffern von einer Größe, die aussahen, als wollten sie auswandern. Im Bad konnte man dann sehen, was da so alles im Urlaub mitgeschleppt wird. Kosmetikbeutel, die größer sind als mein Handgepäck, zum Beispiel. Da reisen Frauen mit Wimpernzange in die Ferien! Ich dagegen besitze nichtmal zu Hause eine (von unaufgefordert eingesandten Wimpernzangen bitte ich abzusehen) …

Ein Hotel für neun gewisse Stunden

Die Hotelkette, dank der ich dieses eher schlaflose Abenteuer erleben durfte, heißt 9hours, und der Name ist Programm. Denn so viel Zeit soll man maximal im Hotel verbringen. Schlafen, duschen, auschecken ist die Devise. Wer länger als eine Nacht bleibt, muss trotzdem jeden Morgen aus- und jeden Abend wieder einchecken. Denn die Kapseln kann man nicht nur für die Nacht buchen. Wer zum Beispiel zwischen zwei Flügen eine paar Stunden schlafen will, kann das hier auch tun. Zum Glück muss ich nicht jeden Tag meine Tasche packen, den Spind darf ich die vier Tage über behalten. Die benutzten Handtücher werfe ich morgens im Bad in den Wäschekorb, abends gibt es ein neues Set. Den Schlafanzug habe ich dankend ausgelassen, ich ziehe lieber meinen eigenen an.

Weil die Gäste nur kurz bleiben sollen, serviert das Hotel kein Essen. Es gibt nichtmal Getränke und Schokoriegel zu kaufen. Dazu passt auch die so genannte Lounge, die hinter der Rezeption liegt. Ein riesiger Raum, sehr funktional, von Gemütlichkeit keine Spur. Die Musik finde ich nervtötend, das soll sie vielleicht aber auch sein. Hier sitzt, wer noch nicht in die Kapsel will. Auch ich tippe hier meine Blogbeiträge aus Tokyo. Der große Pluspunkt des Hotels (mal abgesehen davon, dass man sowas in Japan mal mitgemacht haben muss): es ist für hiesige Verhältnisse unschlagbar billig. Ich zahle hier für vier Nächte gerade einmal 120 Euro – und damit weniger, als für eine Nacht in einem normalen Hotel in Tokyo.

Bleibt am Schluss noch eine wichtige Frage: wenn mal wirklich die Erde bebt, kriegt das Ding dann einen Kapselriss?

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