Ise – Japans Allerheiligstes

Was den Katholiken der Vatikan ist im Shintoismus der Schrein von Ise. Hier residiert die Sonnengöttin, von der nicht nur der Kaiser abstammt, sondern die auch oder gerade deswegen Schutzgöttin Japans ist. Nicht umsonst hat dieses Land die Sonne auf seiner Flagge abgebildet. Jeder Japaner sollte einmal in seinem Leben nach Ise pilgern, heißt es. Und wenn die Japaner da hingehen, gehe ich mit. Ise ist schließlich nur zwei Stunde Zugfahrt von Kyoto entfernt.

Doch anstatt gleich zum Schrein zu marschieren, steige ich am Bahnhof von Ise erstmal um in die Bimmelbahn nach Futaminoura. Ich will ans Meer. Nicht nur grundsätzlich, da will ich immer ans Meer, aber diesmal auch mit gutem Grund. Seit ich mein Jahr in Japan plane, stehen die Wedded Rocks, die verheiratete Felsen auf meinem Wunschzettel (großes Bild). Offiziell heißen die beiden heiligen Steine Meoto Iwa. Der größere steht für den Mann, der kleine für die Frau, und verbunden sind sie mit einem im Shintoismus sehr gebräuchlichen Seil (shimenawa) aus Reisstroh. Solche Seile sieht man hier allenthalben um Felsen, Bäume und dergleichen gewickelt. Denn der Natur wohnt oft ein Geist inne, glaubt man hier. Und diese Seile kennzeichnen solche heiligen Orte.

Vom Bahnhof aus folge ich nicht der Hauptstraße, die zwar der kürzeste aber auch der unattraktivste Weg zu den Felsen ist, sondern spaziere durchs Wohngebiet und anschließend über die Uferpromenade. Es ist noch vor 10 Uhr am Sonntagmorgen, und ich habe den Strand über weite Strecken für mich. Aus der Ferne sehe ich schon die beiden Felsen. Und davor den Hauptweg dorthin. Den werde ich ganz sicher nicht für mich haben, so viel steht fest. Ganze Reisegruppe (vorwiegend einheimisch) wollen auch dahin.

Frösche am Meer

Dass ich den Tag am Strand beginne, hat einen guten Grund. Nur bei Flut sind die beiden Felsen wirklich getrennt. Und Flut ist heute am Vormittag, ich lasse Mutter Natur einfach mal meinen Reiseplan bestimmen. Man muss der Guten auch mal was gönnen. Vor allem, wenn sie mir im Gegenzug Ende Oktober 20 Grad und blauen Himmel mit Schäfchenwolken spendiert.

Der Weg zu den Felsen führt quasi mitten durch einen Schrein mit dem Namen Futami-Okitama. Überall sind hier Froschskulpturen zu finden. Das japanische Wort für Frosch ähnelt von der Aussprache her dem für zurückkehren. Daher sind Frösche eine Art Glücksbringer, um Verlorenes wieder zu bekommen. Der Schrein ist beliebt, die Japaner stehen hier fürs Beten an. Diese Schlange lasse ich mal aus, man muss schon daran glauben, nehme ich an, sonst nutzt es nix. Ich schlängel mich an der Schlange entlang Richtung Felsen.

Es ist, wie so oft. Eine Postkartenidylle entpuppt sich im echten Leben nicht selten als deutlich weniger, nun ja, idyllisch. Ich hatte mir ausgemalt, wie ich quasi einsam am Strand mit den Füßen im Sand stehe und auf die riesigen Felsen schaue, die ein gutes Stück entfernt im Meer thronen. Die Realität sieht so aus: Ich stehe auf einem betonierten Weg mit Geländer. Um mich herum viele, viele Menschen. Die Felsen sind ziemlich nah und irgendwie klein. Und die Kormorane haben drauf geschissen. Trotzdem ist es toll, hier zu sein. Wirklich! Ist doch irre, dass drei Mal im Jahr eine Schar Männer auf die Felsen klettert, um das Seil zu erneuern. Und dass halb Japan hier nur wegen der Felsen vorbei schaut, sonst ist hier nix. Und auch wenn sie kleiner und näher und ohne Sand an den Füßen sind, irgendwie haben sie was, diese verheirateten Steine.

Die Promenade führt mich weiter zu einem kleinen Einkaufszentrum. Hier kann man eines der ausrangierten Seile bewundern und die niedlichsten Kuchen Japans essen: die haben ein Otter-Gesicht. Denn zum Einkaufszentrum geht auch ein kleines Aquarium, in dem die Otter wohl der Star sind, wenn man den Werbefilmchen glauben darf, die hier laufen. Ich setze mich mit meinem Kuchen vor die Tür und schaue aufs Meer. Dann marschiere ich den Weg zurück (von hinten sehen die Felsen übrigens nach nichts aus, der Effekt wirkt nur von einer Seite). Ich gehe noch ein bisschen am Strand lang, den ich ein paar Meter weiter schon wieder für mich habe, und treffe auf der Promenade einen Mann, der sein Haustier an der Leine ausführt. Und zwar …. ein Kaninchen! Zum Glück beherrsche ich schon einen der wichtigsten Sätze in diesem Land überhaupt: Darf ich ein Foto machen? Darf ich!

Auf dem Weg zum Geku

Die Mutter aller Schreine

Nun aber auf nach Ise. Denn es gilt, nicht nur einen Schrein zu besichtigen. Der Ise-jingu, wie er korrekt heißt, besteht aus 125 Schreinen, die über eine Fläche verteilt sind, die ungefähr Paris entspricht. Behauptet die offizielle Broschüre, die ich am Eingang ausgehändigt bekomme. Glaube ich sofort, denn der innere und äußere Schrein dieses Heiligtums liegen schon fast 4 Kilometer auseinander, warum also nicht die Nebenschreine noch weiter verstreuen? Besichtigen will ich heute aber nur inneren und äußeren Schrein sowie ein paar kleine, die auf deren Gelände stehen. Alle 125 halte ich doch für etwas übertrieben.

Vom Bahnhof aus sind es keine 10 Minuten zu Fuß zum äußeren Schrein, dem Geku. Das Besondere an den Schreinen von Ise: alle 20 Jahre werden sie neu gebaut. Auf dem Gelände eines jeden Schreins liegen zwei Baufläche nebeneinander, und auf denen wandert das Gebäude immer hin und her. Gebaut wird dabei immer nach alter Technik, also ohne Nägel, und durch die regelmäßigen Neubauten bleibt diese Technik auch erhalten. Das letzte Mal wurde im Jahr 2013 gebaut. Wie lange hier schon ein Schrein steht, sieht man also nicht am Gebäude, sondern an den mächtigen Bäumen auf dem Gelände. Es braucht mehrere Menschen, um sie zu umfassen.

Geku – ein letztes Bild vor dem Fotoverbot

Im äußeren Schrein residiert seit ungefähr 1.500 Jahren der Gott der Nahrung, der Kleidung und des Wohnens. Er soll die Sonnengöttin im inneren Schrein versorgen. In beiden Schreinen dürfen die inneren Gebäude nur von der kaiserlichen Familie und den Priestern betreten werden. Gewöhnliches Volk muss aus einiger Entfernung beten. Ab einem bestimmten Punkt gilt hier, dass Fotografieren verboten ist. Was sofort auffällt: die Gebäude, aber auch die Anlage drumherum, sind sehr schlicht gehalten. Die torii, die Schreintore, sind nicht leuchtend orange bemalt, wie sonst oft zu sehen. Und der wichtigste Tempel des Landes ist einfach nur aus schlichtem Holz. Lediglich einige Zierelemente aus Gold verzieren die Gebäude. Das aber auf eine Art, die sehr dezent wirkt, wenn man das von Gold so sagen kann. Es gibt kleinere Schreine im selben Stil auf dem Gelände, die man fotografieren darf. Die Atmosphäre am Geku ist feierlich, aber fröhlich. Viele Japaner haben sich in den Anzug bzw. eine schickes Kleid geworfen. Und man sieht viele ältere Herrschaften, zum Teil im Rollstuhl geschoben, die diese Pilgerfahrt noch machen wollen.

Vor der Tür der Sonnengöttin

Der äußere Schrein war gut besucht, aber nicht überlaufen. Ganz im Gegensatz zum inneren Schrein, dem Naiku, der seit rund 2.000 Jahren in Ise steht. Ich nehme den Bus, der proppenvoll ist. Das kommt davon, wenn man den Morgen am Meer verbringt, dann landet man in der Schrein-Rush-hour. Im inneren Schrein wird der heilige Spiegel des Kaisers bewahrt, der ein Symbol der Sonnengöttin ist. Er gehört neben einem Schwert, das im Kaiserpalast in Tokyo aufbewahrt wird, und heiligen Edelsteinen, die in Nagoya verwahrt werden, zu den kaiserlichen Insignien.

Ein Nebenschrein am Geku – ein bisschen Gold auf dem Dach, sonst sehr dezent

Der Zugang zum Gelände des inneren Schreins erfolgt über eine hölzerne Brücke. Es ist so voll, dass man nur mit der Masse mitgehen kann. Hinter der Brücke verläuft es sich etwas, aber es sind doch deutlich mehr Menschen als im äußeren Schrein. Auch die Brücken auf dem Gelände werden alle 20 Jahre abgerissen. Eine zweite Reihe Pfeiler steht neben der aktuellen Brücke, hier entsteht dann 2033 die neue. Wie auch am äußeren Schrein verbeugen sich die Japaner an jedem torii Richtung Schrein. Sowohl beim Kommen als auch beim Gehen. Die torii trennen traditionell die weltliche von der göttlichen Seite. Ich trete ins Reich der Sonnengöttin.

Auch am inneren Schrein kommt man nur an die äußerste Reihe der Gebäude, das Allerheiligste sieht nur der Kaiser. Die Leute werfen Geld nicht nur in die vorgesehene Sammelbox, sondern auch über den hölzernen Zaun. Auf der anderen Seite sind weiße Tücher ausgelegt, auf denen sich nicht nur Münzen, sondern auch 1.000 Yen-Scheine (etwa 7,50 Euro) sammeln. Kurz sieht man einen Priester in vollem Ornat. Wachleute setzten höflich aber bestimmt das Kameraverbot durch. Alleine schon der Menschenmassen wegen finde ich es hier weniger entspannt. Auch hat mir der Park des äußeren Schreins besser gefallen. Ich halte meinen Besuch kurz und fahre wieder zurück in die Stadt.

Noch schnell ein Fischkuchen am Stil, dann muss ich zum Bahnhof. In meiner Tasche habe ich ein Schutzamulett (o-mamori) aus dem heiligsten aller Schreine. Es sorgt für Gesundheit und Glück. Ab jetzt wird es die Sonnengöttin richten!

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