Treibeis-Tourismus

Ich bin auf Hokkaido, der nördlichsten der vier japanischen Hauptinseln. Hier ist das Land dann auch zu Ende, auf der nächsten Insel wird schon Russisch gesprochen. In Japans Norden ist die Winterwelt noch in Ordnung, hier gibt es um diese Jahreszeit Schnee und Eis, und das reichlich und über Wochen oder gleich Monate hinweg. Also tue ich, was Frauen so tun, wenn die Tage kalt und die Nächte lang sind. Ich schiffe mich auf einem Eisbrecher ein.

Möglich ist das im Städtchen Mombetsu, das Treibeis-technisch günstig liegt. Hier trifft schnell gefrierendes Süßwasser aus Flüssen auf das zu dieser Jahreszeit ohnehin schon ziemlich kalte Meer – fertig ist die treibende Eisschicht! Und die gilt es nun, kaputt zu machen. Dazu gehe ich an Bord der Garinko II, so der Name des Eisbrechers. Bisher dachte ich, dass Eisbrecher immer und ausschließlich mit einem speziell verstärken Bug daher kommen und das Eis mir ihrem schieren Gewicht zerdrücken. Doch die Garinko II hat stattdessen einen gespaltenen Bug, ein bisschen wie ein Katamaran, und darunter zwei rotierende Eisenspiralen, die das Treibeis zermalmen.

Garinko II, der Eisbrecher, dem die Frauen vertrauen

Schon bei der Ausfahrt aus dem Hafen treffen wir auf das erste Treibeis. Zunächst ist es noch dünn, man könnte wahrscheinlich nicht einmal darauf Schlittschuhe laufen, ohne einzubrechen. Aber es wird zunehmend dicker und ist mit Schnee bedeckt. Der Kapitän schaltet einen Gang runter, das Eis knirscht unter uns. Je dicker das Eis wird, umso mehr kann man spüren, wie das Schiff vibriert. Es ist ein bisschen so, als fährt man mit dem Auto über einen unbefestigten Weg. Einmal denke ich kurz, dass wir stecken geblieben sind, aber dann geht es doch weiter. Deutlich wird aber, dass das Treibeis ganz schön Kraft hat.

Als der Kapitän umkehrt und zurück fährt, kann man die Schneise im Eis sehen, die wir gefräst haben. Ich stehe schon über eine halbe Stunde am Bug, meine Finger sind taub, weil man zum Knipsen mit dem Smartphone die Handschuhe ausziehen muss. Ich verschwinde kurz unter Deck und ziehe mir aus dem in Japan allgegenwärtigen Automaten mit Getränkeflaschen einen heißen Tee. Mehr für die Hände als die Kehle. Dabei sehe ich, dass unter Deck eine Kamera live die Geschehnisse am Bug auf einen großen Bildschirm überträgt. Vor allem Frauen sitzen hier fröhlich schwatzend beim Kaffee und schauen Eisbrecher TV, während ihre Männer sich draußen was abfrieren. Diese Aufteilung rettet heute wahrscheinlich so manche Ehe. Kaum habe ich wieder Gefühl in den Fingern, gehe ich zurück an Deck. Ein Mädchen ist schließlich nicht alle Tage auf einem Eisbrecher unterwegs.

Blick zurück nach vorn: unsere Schneise vom Hinweg

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