Japans Winterwunderland

Es begann mit sechs Schneeskulpturen, die ein paar Schüler im Stadtpark von Sapporo auf Hokkaido, der nördlichsten der vier japanischen Hauptinseln, aufstellten. Daraus wurde das Sapporo Schneefestival, das in diesem Jahr sein siebzigstes Jubiläum feiert und alljährlich bis zu zwei Millionen Besucher anzieht. Knapp 200 Skulpturen aus Schnee und Eis wurden in diesem Jahr gezeigt. Keine Frage, dass dieses Festival unbedingt auf meine to-do-Liste für mein Japan-Jahr gehörte. Auch wenn ich im September, als ich diesen Kurztrip geplant habe, schon ziemliche Probleme hatte, noch ein Hotel zu finden.

Aber es ist geglückt, also schnell den Rucksack im Hotel abwerfen (und unterwegs milde lächeln über die Leute mit den XXL-Rollkoffern, die sich auf den verschneiten Gehwegen festgefahren haben), dann ab zum Festival-Gelände. Oder besser: den Festival-Geländen. Denn während die Schneeskulpturen noch immer im Odori Park stehen, da wo vor 70 Jahren alles begann, gibt es inzwischen noch zwei weitere Standorte in der Stadt. Auf einem Stück der Haupteinkaufsstraße findet ein Eisskulpturenfestival statt. Und etwas außerhalb der Stadt wurde ein temporärer Vergnügungspark mit Rodelbahnen und einem Irrgarten aus Schnee errichtet. Die Eisskulpturen liegen auf meinem Weg, machen mich aber nur mäßig an. Die Hälfte davon ist Werbung, vorzugsweise für alkoholische Getränke. Ein Sushirestaurant hat Fisch und Krabben einfrieren lassen. Dazwischen Drachen, Vögel und Goldfische aus Eis.

Deutsche Mandeln, eine finnische Kathedrale und japanisches Organisationstalent

Im Odori Park dagegen herrscht eine Mischung aus Weihnachtsmarkt und Winterkirmes. Es gibt Glühwein und einen Stand mit gebrannten Mandeln aus Deutschland. Statt Bratwurst dazu dann aber Tintenfischbällchen oder Schneekrabbe am Spieß. Der Rumfabrikant mit der Fledermaus im Logo bietet Hot Mojito an, direkt gegenüber steht das Polizeihäuschen mit einer speziellen Auffangstation für verloren gegangene Kinder. Typisch japanisch ist alles durchorganisiert. Die Besucher werden auf der einen Seite des Parks hin, auf der anderen wieder zurück geführt. Der Zugang zu den großen Skulpturen ist mit extra ausgewiesenen Ein- und Ausgängen geregelt. Personal mit Megafonen sorgt dafür, dass der Verkehrsfluss nicht ins Stocken gerät. Die Müllsammelstationen sind bemannt, damit der Abfall auch anständig getrennt wird. Und entlang des Weges finden sich in regelmäßigen Abständen Informationsbuden, in denen man nicht nur Flyer und Stadtpläne bekommt. Hier kann man auf Bänken um Gasöfen sitzen und sich aufwärmen.

Von kleinen Schneeskulpturen, die zum Teil die Einwohner Sapporos anfertigen, zum Teil aber auch von Künstlern aus aller Welt geschaffen werden, bis hin zu aufwändigen Großprojekten, die Firmen finanzieren, ist alles dabei. Die größten Schneeskulpturen sind über 15 Meter hoch – und zum Bauen rückt das Militär an. Man kann Bilder davon bewundern, und die Herren und Damen in Tarnanzug haben auch einen Infostand. Es gibt ein eigenes Schneefestival-Komitee bei den nördlichen Streitkräften, lerne ich. Viele der Skulpturen haben gleich eine Bühne mit integriert. Bei Tag besehen sind die Skulpturen nett, aber in diesem für Lichtspiele und Laternenfeste berühmten Land wird sowas immer erst nach Einbruch der Dunkelheit interessant. Dann sind die großen Skulpturen beleuchtet, auf einige werden gar Animationen projiziert. Und so sieht dass dann aus: 

Fast alle Rennpferde Japans stammen aus Hokkaido. Leider wurde die Region, in der die Zucht hauptsächlich stattfindet, im letzten Jahr von einem schweren Erdeben getroffen. Diese Skulptur will zeigen, dass man die Landsleute, die zum Teil noch immer im täglichen Leben durch die Erdbebenschäden beeinträchtigt sind, nicht vergessen hat.

Die Bühne des Hard Rock Cafés zeigt eine Besonderheit Japans: hier gibt es Musikstars, die nur virtuell existieren. Fans zahlen sogar, um zu „Konzerten“ zu gehen, bei denen die computergenerierten Musiker als 3D-Animation auftreten. Man beachte, dass die Gitarre der Dame rechts die Form der Insel Hokkaido hat! Im Rahmen der Lichtshow sieht man die Damen rechts und links auf die Lautsprecherboxen projiziert, während in der Mitte eine Art Feuerwerk abgeht. Das Ganze selbstredend zu ohrenbetäubender Musik.

Diese Bilder beweisen: ich bin ein Weichei. Ich bin tatsächlich mit meiner langen Unterhose zu einem Festival angereist, bei dem Minusgrade eine Grundvoraussetzung sind. Und ich habe sie an. Unter meiner extra gefütterten Trekkinghose. Die Damen hier sind wahlweise in durchlöcherter Netzstrumpfhose oder bauchfrei unterwegs. Ich arbeite schon an meinem Businessplan für einen Arzneimittelgroßhandel mit Schwerpunkt Medikamente gegen Blasenentzündung … Ach ja, die Bühne zeigt übrigens einen Berg in Taiwan und den entsprechenden Bahnhof, um dorthin zu kommen. Die Insel ist ein beliebtes Urlaubsziel der Japaner, und direkt neben der eiskalten Performance hat die taiwanesische Tourismusbehörde eine Infobude.

Finnland und Japan feiern in diesem Jahr 100 Jahre diplomatische Beziehungen. Aus diesem Anlass hat man kurzerhand die Kathedrale Helsinkis nachgebaut (siehe auch ganz oben). Und eine finnische Militärkapelle eingeflogen, die ab und zu auf der Schneebühne vor dem Gotteshaus aufspielt.

Star Wars ist Star Wars. Mehr muss man dazu wohl nicht sagen, oder? Die Skulptur kommt mit der original Filmmusik, versteht sich.

Hier feiert die japanische Bahn ihren Güterzug namens Red Bear ab, der die zahlreichen landwirtschaftlichen Erzeugnisse Hokkaidos in den Rest Japans bringt. Der Zug spricht sich im Original übrigens retto bea aus. Die abendliche Animation erinnert an ein Computerspiel, denn hier werfen Bauern Zwiebeln und Kürbisse in den Zug. 

Aus diesem überlebensgroßen Nudeltopf dampft es fröhlich und es gehört eine aus Eis geschnittene Rutsche dazu, auf der es sich aber nicht gut rutscht, weswegen sie mit Personal bemannt ist, das die Rutschenden anschiebt. Ob man wegen der dementsprechend hohen Personalkosten auf eine abendliche Beleuchtung verzichtet hat?

Das hier ist Snow Miku, noch eine rein virtuell existierende Figur, die in Hokkaido „geboren“ wurde und mit dem Schneefestival verbunden ist. Seit zehn Jahren erfreut sie ihre Fans, über das Outfit zum Festival wird online abgestimmt. Das diesjährige wird in der offiziellen Broschüre als Princess with the Image of Hokkaido Snow beschrieben. Was immer das heißen soll. Bei Tag kommen die Fans mit ihren teuer erworbenen Devotionalien vorbei (jedes Jahr ein neues Kleid, jedes Jahr eine neue Puppe!), um selbige vor der Skulptur zu fotografieren. Ich sage es mal so: viele sind junge Männer, die in bisschen so aussehen, als wären sie in der leistungsorientierten japanischen Gesellschaft abgehängt worden … Sprechen und singen tut die junge … ähm … Frau?! … übrigens in einer kindischen Piepsstimme, die so hoch ist, dass es in den Ohren weh tut.

Am Tag nach dem einwöchigen Festival ist dann auch schon alles wieder vorbei. Zu nachtschlafender Zeit rückt das Militär mit Baggern an und schaufelt die Skulpturen in Grund und Boden. Ich bin um kurz nach 6 Uhr in der Früh am Gelände vorbei gekommen, da war die taiwanesische Bühne schon nicht mehr und von den Eisskulpturen fehlte jede Spur. Auch die Bühne des Hard Rock Café war da schon gestürmt.

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