Entmüllitarisierte Zone

Die (Fußball-)Welt wunderte sich, dass die japanischen WM-Besucher nach jedem Spiel brav ihre Fankurve aufräumten. Dabei können die nicht anders, die sind das von zu Hause so gewohnt. Denn wenn es eines nicht gibt in Japan, dann sind das öffentliche Mülleimer. Es ist hier ganz normal, dass jeder seinen Müll einpackt und schön mit nach Hause nimmt. Und da wird es dann kompliziert. Denn die Deutschen sind nicht nur die längste Zeit Fußballweltmeister gewesen, auch in Sachen Mülltrennung schaffen wir allerhöchstens noch den zweiten Platz.

Bei der Wohnungsübergabe hat mir die Maklerin eine Mappe mit nützlichen Informationen überreicht. Dabei wurde kein Thema so ausführlich behandelt wie die Mülltrennung. Dass hier Altpapier gesondert eingesammelt wird: geschenkt! Aber das ist nur eine von insgesamt vier Mülltüten, mit denen ich hier hantiere. Es wird nämlich auch noch sortiert in brennbare Haushaltsabfälle, Plastikverpackungen und getrennt davon Plastikflaschen und Getränkedosen. Wobei die Banderole um die Plastikflaschen entfernt und in die Tüte mit den Plastikverpackungen gesteckt werden muss. Serviceorientierte Getränkehersteller produzieren die Banderole daher gleich mit Aufreißbändchen. Für die restlichen Plastikverpackungen gilt: vor dem Wegwerfen bitte ausspülen.

Wer etwas anderes als die oben genannten Abfälle loswerden will, muss sich durchs Abfallkompendium arbeiten. Für Tetra Pak-Verpackungen zum Beispiel gibt es spezielle Sammelstationen. Einen alten Topf entsorgen? Bitte gesondert eintüten, beschriften und zum recyclebaren Müll stellen. Und falls ich mich jemals mit dem Problem konfrontiert sehen sollte, mich eines toten Tieres entledigen zu müssen: es gibt eine Hotline für die (selbstredend gebührenpflichtige) Entsorgung von Tierkörpern.

Den Müll aus der Wohnung schaffen darf man auch nicht, wann man will. Der brennbare Müll wird jeden (!) Tag abgeholt – mit Ausnahme von Neujahr. Plastik wird einmal die Woche abgefahren. Und man soll die Tüten möglichst erst an besagtem Morgen auf die Straße stellen. Mein Hochhaus hat zum Glück Sammelcontainer, so dass ich den Müll dort abwerfen kann, wann immer ich will. Worüber ich ganz froh bin, denn bei meinen nicht ganz 15qm Wohnfläche habe ich die Flaschensammlung schon auf meinen Minibalkon auslagern müssen, und das Altpapier steht im winzigen Eingangsbereich im Weg. Wenn ich jetzt noch auf den Rausstelltag für den Plastikmüll warten müsste, bekäme ich den Küchenschrank nicht mehr zu. Ausdrücklich hingewiesen sei zudem auf die Regel, dass eine gefüllte Mülltüte nicht mehr wiegen darf, als man mit einer Hand hochheben kann.

Nun sollte man meinen, dass angesichts der strengen Regeln fürs Trennen auch Maßnahmen zur Müllvermeidung ergriffen werden – aber weit gefehlt. Alles ist hier mindestens schon ein Mal in Plastik eingepackt und wird an der Kasse gleich nochmal in eine Plastiktüte gesteckt. Jede einzelne Postkarte, die hier verkauft wird, steckt in einer Plastikhülle. Wer eine Packung Kekse erwirbt, darf jeden einzelnen davon anschließend aus einer Plastikverpackung friemeln. Und wenn ich mal nein sage, wenn man meine Einkäufe in eine Tüte stecken will, ist das Personal immer hübsch irritiert und hält das wahrscheinlich für eine exzentrische Macke, die nur Ausländer haben. Wunderlicherweise gehören besagte Einkaufstüten übrigens nicht in den Plastikmüll, sondern zu den brennbaren Abfällen.

Immerhin nehmen die Japaner die Sache mit der Mülltrennung derart ernst, dass selbst die große amerikanische Kaffeehauskette mit der Meerjungfrau im Logo in ihren Filialen Mülltrennstationen aufgestellt hat (siehe unten). Hier werden Papp- und Plastikbecher getrennt voneinander eingesammelt, Strohhalme und Deckel gehen extra.

Hat man dann seinen ganzen Müll endlich sortiert, kann man ihn selbstredend nicht in jeder x-beliebigen Tüte entsorgen (Plastiktüten hätte man ja genug), sondern ausdrücklich und nur in durchsichtigen Beuteln, die man vorher kaufen muss. So kann die Müllabfuhr gleich sehen, ob sauber getrennt wurde, sonst bleibt der Müll stehen. Wir können nur hoffen, dass die japanische Mülltütenindustrie nicht bald ein Lobbybüro in Brüssel eröffnet und für maximale Transparenz beim EU-Müll wirbt …

 

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