Kyoto versus Tokyo

In bester japanischer Art möchte ich mich hiermit öffentlich entschuldigen. Tiefe Verbeugung inklusive. Ich habe an dieser Stelle durchklingen lassen, Kyoto wäre voll und wuselig. Ja, ich bin sogar so weit gegangen, in persönlichen Gesprächen zu behaupten, nach zwölf Monaten in der alten Kaiserstadt würde mir Deutschland regelrecht entvölkert vorkommen. Ich nehme alles zurück! Kyoto ist quasi menschenleer und ungemein ruhig und entspannend. Jedenfalls im Vergleich zu Tokyo.

Nach fünf Tagen in Japans Hauptstadt bin ich heilfroh, wieder daheim zu sein. Endlich kann ich wieder selbstbestimmt durch die Straßen gehen. In Tokyo war es streckenweise so voll, dass man sich in Zweierreihen über die engen Bürgersteige geschoben hat. Überholen ging nicht. Stattdessen ein einziger langer und vor allem langsamer Gänsemarsch.

Von den Pendlern Tokyos lernen

Tokyos ältester Tempel: Senso-ji

Öffentliche Verkehrsmittel sind zu den Stoßzeiten ebenfalls kein Zuckerschlecken. Hat man sich endlich in eine U-Bahn gepresst, wird man an der nächsten Haltestelle unweigerlich wieder aus dem Zug geschubst, ob man will oder nicht. Denn da wollen welche raus. Und wenn sich die Masse einmal Richtung Tür in Bewegung setzt, kann man nur mitgehen. Also raus, und anschließend wieder rein. Einziger Vorteil: anders als in Deutschland gilt beim Einsteigen nicht das Recht des Stärkeren. Hier stellt man sich an, und steigt in dieser Reihenfolge ein. Immerhin habe ich in Tokyo den ultimativen Pendlertrick gelernt. Die Hauptstädter drehen sich vor dem Einsteigen um und machen den entscheidenden Schritt in den Zug rückwärts. So kann man genau sehen, wie weit man sich in den Zug drängeln muss, damit die Türen noch vor einem zugehen. Außerdem schaut man den Mitpendlern in dieser Enge nicht die ganze Zeit in die Augen.

Tokyo hat ein hervorragendes Netzwerk aus U-Bahnen, S-Bahnen und sogar Booten. Aber wer von einer Linie zur anderen wechselt, läuft unterirdisch oft verdammt lang. Mein Rekord waren fast 15 Minuten zwischen zwei Linien. Ich habe Stunden meines Lebens mit subterranen Wanderungen verbracht. Die größte Herausforderung dabei: die Laufrichtung wechselt zwischen den Bahnhöfen. Mal geht man auf der linken Seite, dann wieder rechts.

Apropos Anstehen: darin sind die Japaner groß, nicht nur beim Zugfahren. Mein Ausflug ins Disneyland (ich war noch nie in einem, es wurde also Zeit!) war ein Lehrstück in dieser Disziplin. Das Haus von Mickey Maus habe ich dankend ausgelassen, denn die Wartezeit wird an jeder Attraktion angeschlagen und betrug zu Bestzeiten 90 Minuten. Wenn irgendwo nur eine halbe Stunde Anstehen angeben war, habe ich mich gerne eingereiht, das war nämlich sehr, sehr wenig. In Deutschland wäre in jeder Schlange laut geschimpft und gedrängelt worden. Hier nicht. Ganze Familien kamen übrigens im Kostüm. Bei den Prinzessinnen war vor allem Schneewittchen beliebt. Die ist nämlich im Original schwarzhaarig. Es gab aber nicht wenig Japanerinnen, die ihr Prinzessinnenkleid mit einer blonden Perücke komplettiert haben, um Cinderella, Rapunzel oder Alice im Wunderland zu werden. Bei der offiziellen Parade dagegen wurden die Prinzessinnen alle von Ausländerinnen dargestellt. Disney lässt keine blondierte Japanerin auf den Wagen. Erste Recherchen ergaben, dass ich zwar blond genug, aber zu alt für einen Prinzessinnenjob bin.

Der Nullpunkt Japans

Nihonbashi

Eine der schlimmsten Bausünden in diesem an Bausünden nicht gerade armen Land ist die Stadtautobahn über der Nihonbashi-Brücke. Denn als Tokyo noch Edo hieß, wurde diese Brücke zum Ausgangspunkt aller Entfernungsmessung und ist das bis heute. Wenn also auf einem Schild im Lande die Kilometer bis Tokyo angegeben sind, dann ist Nihonbashi der Punkt, bis zu dem gemessen wird. Die Brücke ist auf zahllosen alten Holzschnitten verewigt – und dann tackern die Stadtplaner einfach eine mehrspurige Straße darüber. Was übrigens Hochzeitspaare nicht davon abhält, auf den Terrassen der angrenzenden Lokale Fotoshootings zu machen. Muss man mögen. Ich will jetzt gar nicht behaupten, die Stadtplanung in Kyoto hätte nicht auch einige Gebäude mal besser nicht genehmigt. Aber in Tokyo kann man in keinem der berühmten Gärten stehen, ohne dass sich dahinter nicht ein Meer aus Hochhäusern erhebt. In dieser Stadt kommt man einfach nicht zur Ruhe.

Hinter jedem Garten ein Meer aus Hochhäusern

Tradition versus Moderne

Kyoto ist eine Stadt, die was auf Tradition hält. Man ist stolz darauf, alte Künste zu pflegen und gibt sich kultiviert. Hier werden Teezeremonien gefeiert und tagtäglich sieht man Frauen in traditionelle Kleidung über die Straße gehen. Nach Kyoto kommen die Besucher, um Tempel und Geishas zu sehen. Nach Tokyo fährt man für die Neonreklamen und die Kreuzung von Shibuya (großes Bild). Tokyo will modern sein. Natürlich gibt es auch Tempel und Museen, und das nicht zu knapp. Aber die Stimmung in Tokyo ist anders. Die Menschen scheinen gehetzter zu leben, alles ist poppig, bunt und laut. In Tokyo sind mir tatsächlich unhöfliche Japaner begegnet! Kann man sich kaum vorstellen, ist aber so.

Was ebenfalls auffällt: man sieht in Tokyo mehr junge Menschen mit Tätowierungen. Was deswegen bemerkenswert ist, weil ein Tattoo hier lange nicht so normal ist wie bei uns, sondern stattdessen mit der japanischen Mafia assoziiert wird. Viele öffentliche Badehäuser lassen keine Besucher mit Tätowierung ins Wasser. In Kyoto fallen tätowierte Touristen sofort auf, weil sie sich deutlich aus der Menge abheben. Dem Gegenüber steht eine übertrieben Niedlichkeit (kawaii!). Frauen, die sich wie Puppen kleiden, sind in Tokyo keine Seltenheit. Es gibt dafür spezialisierte Läden, in denen man komplette Outfits bekommt. So eingekleidet muss man natürlich an jeder Ecke ein Selfie mit Schmollmund und aufgerissenen Augen machen.

Ich bin jetzt erstmal wieder froh, zurück in Kyoto zu sein, diesem beschaulichen Städtchen mit gerade einmal 1,4 Millionen Einwohnern. Und Laternenfeste im Tempel liegen mir ohnehin deutlich mehr als blinkende Neonreklamen.

2 Gedanken zu „Kyoto versus Tokyo

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