Kyoto Sightseeing: Fushimis unbekannte Ecken

Kyotos Stadtteil Fushimi zieht Besucher aus der ganzen Welt an, weil hier der Fushimi Inari Taisha Schrein mit seinen tausenden zinnoberroten Toren steht. Doch außer dem stets gut besuchten Schrein gibt es in dieser Ecke Kyotos noch einiges mehr zu entdecken. Das wissen aber nur die wenigsten Besucher, denn in der Regel steht davon nichts im Reiseführer. Dabei versteckt sich hier nicht nur eine Burg, in Fushimi liegt auch das Grab von Kaiser Meiji, der Japan in die Moderne führte.

Es ist Samstagmittag, strahlende Sonne, mit 12 Grad ist dieser Februartag recht mild, und auf dem Parkplatz vor der Burg Fushimi (großes Bild oben) stehen eine ganze Menge Autos. Die sind aber nicht wegen der Burg da, stelle ich etwas später fest. Jetzt schreite ich erstmal über eine kleine Brücke und dann durch die gewaltigen Holztore der Burgmauer. Die erhebt sich inmitten eines Parks, der sich in einem für dieses Land höchst erstaunlichen Zustand befindet: er ist leer! Eine Familie picknickt auf einer Bank, etwas weiter macht ein Pärchen Selfies. Aber ansonsten: keiner da! Solche Momente sind selten in diesem Land und vor allem auch dieser Stadt. Die Burg selber ist leider nicht zugänglich, sie ist zurzeit geschlossen, weil sie nicht erdbebensicher ist. Es handelt sich bei dem Gebäude übrigens um einen Nachbau aus dem Jahr 1964. Das Originalgebäude wurde in den 1620er Jahren abgerissen und zum Teil recycelt. So mancher Tempel in Kyoto hat heute blutbesudelte Holzbalken in seinen Decken eingearbeitet, die einst der Fußboden dieser Burg waren. In einem der Kriege zwischen Feudalherren beging auf Burg Fushimi eine nicht unerhebliche Anzahl von Samurai rituellen Selbstmord. Ihr Blut tränkte die Balken.

Ich spaziere um die Burg und komme dabei an einem Baseballfeld vorbei. Hier wird trainiert, mehrer jugendliche Teams wärmen sich auf. Und das nicht nur auf dem Feld, sondern auch drumherum. Weil ich schauen will, ob ich mich von hier aus querfeldein durch den Wald zum Kaisergrab durchschlagen kann, marschiere ich an den Nachwuchsspielern vorbei. Jeder einzelne deute eine Verbeugung an und sagt brav konnichiwa. Etwas weiter stehen die stolzen Eltern, deswegen also die vielen Autos draußen. Was da auch steht: ein Zaun. Also geordneter Rückzug, hier komme ich nicht weiter. Dafür biege ich kurz vorm Ausgang nochmal ab, erst jetzt sehe ich, dass es da noch einen kleinen Garten gibt. Eine zinnoberrote Brücke führt hinein, doch der Garten erweist sich leider als größtenteils gesperrt und etwas verwildert. Dann also auf zum kaiserlichen Grab.

Des Kaisers letzte Ruhestätte

Der Routenplaner schickt mich zunächst ein Stück die Straße zurück. Bambus säumt den Weg und knarzt im Wind. Dann geht ein Fußweg ab, der mich wenig später auf einen breiten, mit weißem Kies bestreuten und von Bäumen gesäumten Weg führt, der etwas bergauf geht. Dies ist einer der offiziellen Zugänge zum Fushimi Momoyama Grab, der letzten Ruhestätte von Kaiser Meiji. Nach ihm ist die Meiji-Restauration benannt, also die Zeit nach der Öffnung Japans für den Westen. Das Land hatte sich über 200 Jahre komplett von der Außenwelt abgeschottet und westliche Einflüsse abgelehnt, bis die Amerikaner 1854 mit einer militärischen Übermacht die Öffnung Japans erzwangen. Kaiser Meiji führte sein Land daraufhin in die Moderne, schaffte die Feudalherrschaft ab, etablierte einen Wissenschaftsaustausch mit dem Ausland und hat eine moderne Verfassung eingeführt. Er war der erste Kaiser, der von Tokyo aus regierte – und der letzte, der in der alten Kaiserstadt Kyoto beigesetzt wurde. Nach seinem Tod im September 1912 wurden seine sterblichen Überreste mit einem Sonderzug hierher gebracht

Das eigentliche Grab ist schlicht und erinnert mich an die mit dem Kaiserhaus verbundenen Schreine in Ise und Nagoya, die beide jeweils kaiserliche Insignien aufbewahren. Eine Reihe einfacher torii aus Holz säumt den Weg zum Grabhügel. Ein Zaun verwehrt den Zutritt, das Grab kann man nur aus der Ferne betrachten. Es steht übrigens dort, wo einst die ursprüngliche Burg Fushimi stand. Der Nachbau, den man heute bewundern kann, musste daher an anderer Stelle errichtet werden. Auch am Kaisergrab finden sich nur wenige Besucher, die meisten scheinen eher hier zu sein, um bei dem schönen Wetter durch die das Grab umgebende Parkanlage zu spazieren. Ich bin die einzige Ausländerin, die es hierhin verschlagen hat.

Treue bis in den Tod

Direkt gegenüber der Tore zum Grab führt eine steile Treppe nach unten. Ich gelange von hier aus zur Hauptstraße, die ich Richtung Bahnhof entlang laufe. Auf meiner linke Seite sehe ich nach ein paar hundert Metern noch eines dieser schlichten torii. Es gehört zum Nogi Schrein, finde ich heraus, benannt nach General Nogi Maresuke. Er diente unter Kaiser Meiji, und hat während seiner militärischen Laufbahn zwei Mal angeboten, seinem Leben mit einem rituellen Selbstmord ein Ende zu setzten, weil er der Meinung war, seinem Kaiser nicht gut genug gedient zu haben. Zwei Mal lehnte der Kaiser ab. Am Vorabend der Beerdigung des Kaisers beging Nogi gemeinsam mit seiner Frau dann schließlich doch Selbstmord. Er stellte sich damit in die Tradition der Samurai, die ihrem Herrn in den Tod folgten.

Im Schrein steht eine Büste des Generals. Auch ein Nachbau seines bescheidenen Elternhauses ist hier ausgestellt. Zwei riesige Pferdestatuen rahmen eines der Gebäude ein. Auf der anderen Seite des Geländes steht ein Monument, in dem unter anderem ein Schiffsanker eingearbeitet ist. Nogi wird hier als eine Art Schutzgeist verehrt, daher macht die Nähe zum Kaisergrab Sinn.

Auf dem Heimweg steige ich noch kurz beim Fushimi Inari Schrein aus. Hier wird heute ein Festival gefeiert, es ist voll, Touristen mischen sich mit Einheimischen, die hier beten wollen. Vor dem Schrein brutzeln Fleischspieße und Oktupusbällchen auf den Grillen der Straßenverkäufer. Größer könnte der Gegensatz zur Stille zwei Bahnstationen weiter wirklich nicht sein.

Praktische Informationen

Verschiedene Bahnbetreiber haben Stationen in der Nähe von Burg und Grab. Ich bin von Gion aus mit der Keihan Linie bis zur Station Tambabashi gefahren, von wo aus man etwa eine Viertelstunde zur Burg läuft. Diese ist nicht ausgeschildert, es empfiehlt sich daher ein Routenplaner oder eine Karte. Nach dem Besuch der Burg muss man ein Stück die Straße zurück, dann geht links ein Weg durch den Wald ab, der einen zum Grab des Kaisers bringt. Vom Grab aus nimmt man die Treppen hinunter, geht unten rechts die Hauptstraße entlang und kommt zum Nogi Schrein. Von dort kann man entweder zum JR Bahnhof Momoyama (Richtung Kyoto Hauptbahnhof) oder etwas weiter zum Keihan-Bahnhof Fushimi-momoyama gehen. Beide Linien halten auch am Fushimi Inari Schrein. JR hat allerdings keinen Stopp in der Nähe der Burg, wer vom Hauptbahnhof kommt, muss in Momoyama aussteigen und eine Runde drehen.

2 Gedanken zu „Kyoto Sightseeing: Fushimis unbekannte Ecken

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