Kyoto Sightseeing: In Pantoffeln durchs Gästehaus des Kaiserreichs

Ein Besuch im alten Kaiserpalast in Kyoto steht bei vielen Besuchern weit oben auf der to-do-Liste. Was viele nicht wissen: auf dem Gelände befindet sich auch eines der beiden offiziellen Gästehäuser der japanischen Regierung (das andere steht – natürlich – in Tokyo). Hier werden hochrangige internationale Besucher untergebracht, wenn sie nach Kyoto kommen. Angela Merkel war zum Beispiel schon da. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in seiner früheren Funktion als Außenminister hier an G8-Gesprächen teilgenommen. Vom indischen Premierminister Narendra Modi über Großbritanniens Regierungschefin Theresa May bis zum Königspaar aus Bhutan hat sich schon eine Reihe illustre Gäste eingefunden. Und wenn gerade kein Staatsbesuch ansteht, dann kann jeder mal einen Blick in die Räume werfen.

Wandteppich im Konferenzsaal

Bevor man jedoch eingelassen wird, wird man durch die Tiefgarage des Gebäudes geführt. Hier durchläuft man einen Security Check, schließt seine Tasche ein, darf ein letztes Mal ein stilles Örtchen besuchen (die Staatstoiletten sind leider nicht zugänglich) und bekommt mit einigem bürokratischen Zeremoniell auf Wunsch auch einen Audioguide ausgehändigt. Endlich vor dem offiziellen Eingang angekommen, muss man seine Schuhe gegen ein Paar Staatspantoffeln tauschen. Freundliches Personal hält einem zu guter Letzt noch ein Schild vor die Nase, auf dem die Verhaltensregeln in mehreren Sprachen aufgeführt und zur Sicherheit noch einmal bildlich dargestellt sind. Jeder Gast muss einzeln bestätigen, dass er diese Regeln verstanden hat.

Dann endlich darf man das Haus betreten, das erst 2005 nach drei Jahren Bauzeit eröffnet wurde. Es verbindet moderne Materialien mit traditionellem Design. Jedes Detail hat dabei eine Bedeutung (die einem der Audioguide netterweise erklärt). Die Einrichtung ist typisch japanisch schlicht, aber ausgesprochen edel. In jedem Raum gibt es neben einem Schild mit einer kurzen Erklärung auch zwei, drei Fotos, die zeigen, wie es hier beim Besuch hochrangiger Gäste ausgesehen hat.

Der Teppich hat keine Flecken, das muss so

Als erstes geht es in einen kleinen Vorraum, in dem üblicherweise der Teil der Delegation des Staatsgastes warten muss, der nicht mit in die offiziellen Gespräche darf (was nicht selten der größte Teil der mitreisenden Mitarbeiter ist). Damit die Damen und Herren sich die Zeit vertreiben können, hat der Raum unter anderem eine Nische, in der wechselnde Kunstwerke aus den Kyotoer Museen ausgestellt werden, die passend entweder zum Gast, zum Anlass oder zur Jahreszeit ausgewählt werden.

das muss so

Weiter geht es in den Konferenzraum, in dem unter anderem oben erwähnte G8-Ministertreffen stattgefunden hat. Hier ist der erste Gedanke: oops, der Teppich hat aber gelitten. Nein, hat er nicht, verrät uns der Audioguide. Die Flecken gehören so. Denn der Teppich soll ein Spiegel des Teichs gegenüber sein, auf den das Licht ein ähnliches unregelmäßiges Muster zaubert. An den Wänden rechts und links hängen zwei riesige Wandteppiche von über 8 Metern Breite, die den Berg Hiei im Nordosten Kyotos und den Berg Atago im Westen der Stadt zeigen (oben). Ich war hin und weg von den Farben und den Motiven – die besonders gut zur Geltung kommen, weil der Raum sonst sehr schlicht gehalten ist.

Auch im Bankettsaal, den man als nächstes betritt, ist die Dekoration außergewöhnlich. Man scheint auf einem Meer aus Blüten zu schweben, denn der Teppich ist in Rosatönen und Weiß gehalten, was kitschig klingt, aber nicht ist. Stattdessen ist der Boden quasi die logische Fortsetzung des Wandteppichs, der diesmal über 16 Meter breit ist und eine Zusammenstellung verschiedenster typisch japanischer Blüten zeigt. Obwohl der Raum recht klein aussieht, können hier bis zu 120 Gäste essen. In einer Seitenwand ist eine kleine Bühne eingelassen, auf der dann traditionelle japanische Künste aufgeführt werden.

Blick in den Bankettsaal

Unterm Tisch wird geschummelt

Vorbei an der erstaunlich kleinen Küche, in die man einen kurzen Blick werfen kann, führt einen die Route in ein weiteres Esszimmer (großes Bild ganz oben), das diesmal im japanischen Stil gehalten ist und nur bis zu 24 Gäste fasst. Der Tisch ist mit tiefschwarzem Lack überzogen und der Audioguide weiß zu berichten, dass die Handwerker, die ihn hergestellt haben, den Lack mit ihren bloßen Händen zur Perfektion poliert haben. Zum Raum gehört ebenfalls eine Bühne, auf der geiko (so heißen die Geishas in Kyoto) und maiko (geiko in Ausbildung) auftreten. Die ausländischen Gäste müssen übrigens nicht stundenlang schmerzhaft im Schneidersitz ausharren, sondern können schummeln. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass unter dem Tisch der Boden herabgelassen ist, die Besucher können ihre Beine also nach unten hin ausstrecken und sitzen dann wie auf einem Stuhl am Tisch.

Nun geht es hinaus auf die überdachte Brücke über den Teich, den man von allen Räumen aus sehen kann, da das Haus quasi um ihn herum gebaut wurde. In einer Ecke des Teiches symbolisiert hoch wachsendes Gras die Reisfelder Japans, während Koikarpfen im Wasser für Glück und Reichtum stehen. Die Fotos am Zugang zur Brücke zeigen, dass die Ehrengäste von der Brücke aus die Karpfen füttern dürfen. Auf der anderen Seite ist ein kleines Boot festgemacht, mit dem die Gäste der Regierung über den Teich gerudert werden. Zum ersten Mal zum Einsatz kam das Boot für den König und die Königin von Bhutan, die ihrem Rahmen ihrer Hochzeitsreise nach Japan kamen.

Love Boat mit Gartenblick

Zu gerne hätte ich noch einen Blick in den Trakt geworfen, in dem die Staatsgäste übernachten dürfen, aber der ist leider nicht zugänglich. Stattdessen führt der Weg von hier aus zum Ausgang, wo die Staatspantoffeln wieder abgegeben werden müssen. In der Tiefgarage darf man dann seine Tasche abholen und noch an einem Tisch mit Souvenirs vorbei. Ich bin nun stolze Besitzerin von Briefpapier mit der Aufschrift Kyoto State Guest House. Hat auch nicht jeder.

Praktische Information

Der Eintritt ins Gästehaus kostet 1.000 Yen, der optionale Audioguide noch einmal 200 Yen. Im Innern stehen englischsprachige Hinweisschilder, der Audioguide bietet jedoch einiges mehr an Informationen. Optional kann man für 500 Yen zusätzlich zum Eintritt auch an einer englischsprachigen Führung teilnehmen. Mehr Informationen auf der Website des Gästehauses. Und wer sich ob der zierlichen japanischen Füße Sorgen wegen der Staatspantoffeln macht: Für ausländische Besucher zaubert das Personal Schuhwerk in großen Größen hervor.

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