Wie ich zu meditieren versuchte

Für drei Dinge bin ich nicht gemacht: still sitzen, abwarten und auf Männer hören. Nur logisch also, dass ich mich für einen Meditationskurs angemeldet habe, bei dem ich auf Geheiß eines Priesters (Mann!) längere Zeit still sitzen (!) und einfach mal abwarten (!) soll, wie es mir damit geht. Sowas nennt man wohl eine Grenzerfahrung.

Ort des Geschehens ist der Shunkoin Tempel, der Teil des Myoshinji Tempelkomplexes in Kyoto ist. Hier residiert Takafumi Kawakami, der sich nicht nur international einen Namen als Redner zum Thema Buddhismus bzw. Zen Meditation gemacht hat. Er gehört auch zu den wenigen Priestern in Japan, die Hochzeitszeremonien für gleichgeschlechtliche Paare durchführen, auch wenn solche Ehen offiziell nicht anerkannt sind im Land der aufgehenden Sonne.

Seine Meditationskurse finden auf Englisch statt und sind für jeden offen. Freundliches Personal nimmt einen in Empfang, wie üblich werden die Schuhe am Eingang ausgezogen, auch Taschen bleiben draußen. Tatamimatten und Kissen im Meditationsraum sind neu, doch an den Wänden sieht man dem Tempel sein Alter an. Es riecht nach Räucherwerk, für meinen Geschmack fast schon zu viel. Durch die papierenen Schiebetüren hört man das Singen der Zikaden im Tempelgarten. Beim Blick nach vorne fällt als erstes der schwarze, glänzende Totenkopf auf, der dort liegt und uns anzuschauen scheint. Der Raum füllt sich. Es kommen mehr Frauen als Männer, von denen einige so aussehen, als wurden sie von der holden Weiblichkeit zwangsverpflichtet, hier mitzumachen.

Dann betritt Takafumi Kawakami den Raum. Rasierter Schädel, auffällige Brille, Ehering und eindeutig sehr selbstbewusst. Als erstes legt er sein Smartphone neben sich. Tradition und Moderne gehen hier Hand in Hand. Ich habe meinen Platz im Kurs auch ganz unkompliziert über die Tempel-Website reserviert. Der Meister lässt sich vorn nieder, schaut in die Runde und fängt gleich mal an mit der Frage, warum wir eigentlich alle im Schneidersitz sitzen, obwohl es offensichtlich ist, dass das für viele von uns sehr unbequem ist.

Und mit diesem Auftakt setzt er an zu einem kleinen Vortrag darüber, worum es ihm und worum es seiner Meinung nach im Buddhismus geht. Ja, man soll seine Komfortzone verlassen, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Aber das heißt nicht, körperliche Schmerzen zu ertragen, etwa indem man längere Zeit in einer unbequemen Position sitzt. Die persönliche Komfortzone verlässt man viel nachhaltiger, wenn man das hinterfragt, was man als Wahrheit kennt. Auch dieser Prozess kann schmerzhaft sein. Wir sitzen im Schneidersitz, weil wir das oft auf Bildern zum Thema Meditation gesehen hätten. Und schon glauben wir, so würde man „richtig“ meditieren. Alles Quatsch, so der Meister, wir mögen uns bitte setzen, wie es für uns bequem ist. Gerne auch auf die Stühle in der letzten Reihe. Ein Ausatmen geht durch den Raum, gefolgt von einem allgemeinen Stühle- bzw. Kissenrücken. Ich entscheide mich für eine wenig damenhafte aber für meine Beine durchaus angenehmere Position als den Schneidersitz.

Die Frage danach, was Wirklichkeit ist und was wir nur dafür halten, beschäftigt den Priester noch ein bisschen weiter. Der Buddhismus zum Beispiel sei im Westen erst in Mode gekommen, als findige Buchautoren anfingen, ihn als die Religion zu verkaufen, die den Weg zum Glück kennt. Wir mögen mal bei einem Online-Buchhändler nach „Buddhismus“ suchen – ein großer Teil der Bücher dazu trage auch das Wort „Glück“ im Titel. Als er über diese irreführende Form des Marketings redet, wirkt er nicht mehr ganz so, als ruhe er in sich selbst.

Dann räumt Takafumi Kawakami mit einer weiteren angeblichen Wahrheit auf: wenn es gleich in die Meditation geht, sollen wir uns von der Idee verabschieden, wir müssten unseren Geist leeren und an gar nichts denken. Das funktioniere erstens bei den meisten Menschen nicht und sei zweitens auch nirgendwo als die einzig wahre Art der Meditation festgehalten. Gedanken werden kommen und gehen, und wir sollen sie einfach zur Kenntnis nehmen. Achten sollten wir dafür auf unsere Atmung. Idealerweise sollte das Ausatmen länger dauern als das Einatmen.

Nun geht es ans Eingemachte: still sitzen, atmen, nichts tun. Und das für etwa 20 Minuten. Ich konzentriere mich aufs Atmen, zähle bis zehn. Von eins bis vier atme ich ein, von fünf bis zehn aus, um den Vorgaben des Meisters gerecht zu werden. Nun sollte man meinen, damit wäre mein Hirn hinreichend beschäftigt. Ist es aber nicht. Ein Gedanke nach dem anderen bahnt sich seinen Weg. Anfangs versuche ich noch, sie zur Kenntnis zu nehmen und wegzuschieben. Aber je länger ich dort sitze, umso häufiger ertappe ich mich dabei, dass ich mich gerade doch länger mit einem Gedanken beschäftigt habe. Ich rufe mich zur Ordnung, aber mein Hirn will nicht vom Denken lassen. Auch die vermeintlich bequeme Sitzposition verliert mit der Zeit spürbar an Attraktivität. Ich habe die Augen geschlossen, höre aber, dass es anderen auch so geht – und mancher sein Heil in der Flucht auf einen Stuhl sucht.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt das Signal für das Ende der Meditation. Es tut gut, die Beine neu zu positionieren. Wie es mir sonst geht? Schwer zu sagen. Ich bin vor allem nachhaltig beeindruckt von der Tatsache, dass mein Hirn ganz eindeutig nicht nichts tun kann, sondern geradezu zwanghaft Gedanken produzieren muss. Angefühlt hat es sich ein bisschen wie die Phase vor dem Einschlafen, in der einem auch noch einiges durch den Kopf geht, ohne dass man das unbedingt bewusst steuert.

Nach der Meditation kommt der gesellige Teil: eine Führung durch den sonst nicht öffentlich zugänglichen Tempel. Zu diesem gehören herrschaftliche Empfangsräume, die mich von der Bemalung her an die Räume in Burg Nijo erinnern. Landschaftsbilder auf goldenem Hintergrund. Die Perspektive, so unser Gastgeber, stimmt nur, wenn man auf die Knie geht. Denn die Bilder wurden gemalt, um traditionell auf dem Boden sitzende Gäste zu beeindrucken. Auch das Gold als Hintergrund habe man bewusst gewählt. Weil die Räume nur von einzelnen Lämpchen erleuchtet wurden, habe das Gold das Licht reflektiert und so den Raum heller gemacht und zugleich einen 3D-Effekt erzeugt. Der Priester verzichtet daher auf elektrisches Licht in diesen Räumen, um den Effekt zu erhalten. Auch die geharkten Muster im Kies des Steingartens erklärt er uns: sie sollen Wasserläufe symbolisieren. Zum Abschluss lässt Takafumi Kawakami uns noch eine Schale bitteren Matcha-Tee servieren und beantwortet Fragen. Mich interessiert der Totenkopf im Meditationsraum, über den ich mich gewundert habe. Der Meister lächelt. Es würde ihm helfen, daran erinnert zu werden, dass unausweichlich der Tod im Rücken lauert …

Praktische Informationen

Der Shunkoin Tempel hat ein Gästehaus, in das man sich wie in ein Hotel einbuchen kann, und bietet verschiedenste Kurse an. Neben der Meditation (ca. 3 Stunden, Teilnahmegebühr aktuell 2.500 Yen, entspricht etwa 20 Euro) kann man hier auch eine Teezeremonie besuchen oder Kalligraphie lernen. Mehr darüber sowie Videos mit Vorträgen von Takafumi Kawakami sind auf der Website des Tempels zu finden.

Takafumi Kawakami hat uns auf Nachfrage auch einen Buchtipp mit auf den Weg gegeben für alle, die sich ernsthaft mit Meditation beschäftigen wollen: Meditation, Buddhism and Science von David McMahan.

 

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