Kyoto Sightseeing: Burg Nijo – über den Nachtigallenboden

Ganze Romane sind schon geschrieben worden über den Nachtigallenboden, den sich ein Shōgun in seine Burg einbauen ließ, um es Attentätern schwer zu machen, sich anzuschleichen. Bei jedem Schritt quietschte besagter Fußboden, was dann als Nachtigallengesang hübsch umschrieben wurde. Nun, dieser Boden befindet sich in Burg Nijo und ist wahrscheinlich keine Absicht, sondern eine simple Fehlkonstruktion. Wobei ich gleich festhalten möchte, dass sich diese Fehlkonstruktion absolut zu besuchen lohnt – und die Nachtigallen bis heute herzallerliebst singen.

Burg Nijo wurde 1603 von Ieyasu Tokugawa fertiggestellt, dem Begründer des Tokugawa-Shōgunats. Ieyasu Tokugawa vereinte Japan nach einer langen Zeit des Bürgerkrieges und begründete damit eine 250 Jahre andauernde Phase von Frieden und Wohlstand, während der seine Nachkommen 15 Generationen lang herrschten. Dafür kann ein Mann sich schonmal eine Burg gönnen, und muss dann bei deren Innenausstattung auch nicht geizen. Wobei die Burg nicht sein Hauptwohnsitz war, den Ieyasu verlegte die Hauptstadt des Shōgunats und damit de facto Japans nach Edo, dem heutigen Tokyo. Da der vom Shōgunat entmachtete Kaiser aber weiterhin in Kyoto residierte, brauchte der Shōgun hier eine Bleibe, die seiner Position würdig war.

Man betritt die Burg so, wie es die Vasallen des Shōguns taten, und wird gleich umgehauen von den Wandgemälden, die – selbst wenn man die dazugehörige Bildsprache nicht vom Audioguide erklärt bekommen würde – einfach beeindruckend sind (im Innern der Burg ist Fotografieren leider verboten, ab hier also bitte die Phantasie spielen lassen …). Den Anfang machen Tiger und Leoparden auf goldenem Hintergrund. Die wilden Katzen sollten natürlich den Mut und die Stärke des Herrschers symbolisieren. An weiteren prächtig bemalten Räumen vorbei kommt man zur Audienzhalle. Hier ist ein Empfang der Vasallen nachgestellt und man bekommt einen Eindruck davon, wie es bei Hofe zuging. Anders als an europäischen Fürstenhöfen ist die Ausstattung – abgesehen von den prachtvollen Wandgemälden – sehr simpel. Tatamimatten und ein paar schmale Regale. Der Shōgun sitzt auf einem Kissen, alle anderen wie üblich auf dem Boden.

Weitere Wandgemälde zeigen Pinienbäume, und sind damit quasi die Fortsetzung dessen, was im Garten gegenüber zu sehen ist. Raubvögel stehen noch einmal symbolisch für die Macht des Herrschers. In den privateren Gemächern finden sich dann Blumen und Darstellungen der verschiedenen Jahreszeiten. Diese teilweise in ein und demselben Raum, der an einem Ende mit ein wenig Schnee auf Bäumen beginnt und dann über Pflaumen- und Kirschblüten hinweg zu Sommerblumen schwenkt. Leider nagt der Zahn der Zeit an den Gemälden, die zum Teil schon durch Replika ersetzt wurden. Eine Restaurierung ist im Gange und stellenweise auch bitter nötig.

Von der Burg geht es hinaus in den Garten. Der ist typisch japanisch schlicht aber durchdacht. Mit jedem Meter, den man am See entlang geht, ändert sich das Bild und ergibt eine neue Komposition. Was nur logisch ist, denn der Garten wurde angelegt, um aus drei verschiedenen Gebäuden betrachtet zu werden, die sich damals auf dem Gelände befanden. Und aus jedem schien man auf einen anderen Garten zu blicken.

Es ist nur passend, dass diese Burg nicht nur der Anfang des vereinten Japans war, sondern hier auch das Ende des Shōgunats besiegelt wurde. 1853 zwangen die USA das bis dahin vollkommen abgeschottete Japan mit militärischer Übermacht zur Öffnung. Der 15te Tokugawa-Shōgun übergab daraufhin 1867 die Macht wieder dem Kaiser. Die Entscheidung dazu traf er auf Burg Nijo nach Beratungen mit seinen Vasallen.

Die Burg gehört naturgemäß zu den touristischen Highlights Kyotos, nicht zuletzt, weil sie seit 1994 UNESCO Weltkulturerbe ist. Ich war kurz nach Öffnung da und froh darüber, denn schon eine Stunde später wurde es voll. Der Eintrittspreis ist mit 600 Yen (etwa 4,60 Euro) äußerst moderat. Es gibt einen guten Audioguide (kein Deutsch, aber hervorragendes Englisch), der weitere 500 Yen kostet. Im Inneren der Burg ist er nicht unbedingt notwendig, da hier ausführliche Beschreibungen auf Englisch aushängen, der Guide gibt aber noch zusätzliche Informationen. In den Gärten ist die Beschriftung etwas spärlicher. Es gibt zudem am Eingang Broschüren in verschiedenen Sprachen, darunter auch Deutsch. Im Innern der Burg gilt: Schuhe aus! Also auf Socken ohne Löcher achten (und im Winter ein zweites Paar mitnehmen – ich war schonmal im April in Burg Nijo und erinnere mich unangenehm an Eisfüße …).

Ich empfehle zudem dringend, statt des rummeligen Cafés cum Souvenirshop kurz vor dem Ausgang schon etwas früher in das alte Teehaus (Waraku-an) abzubiegen. Der Zugang ist nur für Gäste möglich, die Preise sind aber akzeptabel. Und hier gibt es nicht nur hervorragende Leckereien (z. B. Grünteekuchen mit Sahne und süßem Rote-Bohnen-Mus mit einem Eistee für rund 6,50 Euro), sondern auch eine wunderbare und vergleichsweise ruhige Aussicht auf einen japanischen Garten (s. u.).

Ach ja, der Nachtigallenboden. Während Reiseführer (einschließlich des Einsamen Planeten) auf der Variante beharren, dass der Boden eine kongeniale Erfindung zur Abschreckung von Attentätern sei, steht in der Burg selber ein Schild, auf dem das energisch bestritten wird. Und die Burgverwaltung muss es schließlich wissen.

 

 

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