Die mit dem Pinguin flirtet

Er hat mir zugezwinkert! Ich glaube, der steht auf Blondinen. Kein Wunder, die bekommt er hier schließlich eher selten zu sehen. Mein Gegenüber ist ein Pinguin. Und weil ich knie und er leicht erhöht steht, sind wir auf Augenhöhe. Und nein, da ist kein Zaun oder so zwischen uns. Der läuft hier so rum.

Tatort des schamlosen Flirtversuches ist der Zoo von Asahiyama, so ziemlich in der Mitte von Japans nördlichster Insel Hokkaido. Und dieser Tiergarten ist im ganzen Land für eine besondere Attraktion berühmt: im Winter, wenn hier über Monate hinweg Schnee liegt, gehen die Pinguine ein bis zwei Mal am Tag im Zoo spazieren. Unter Aufsicht, versteht sich. Etwa eine halbe Stunde dauert der Ausflug jeweils. Typisch japanisch ist alles bis ins Detail durchorganisiert. Im Plan des Zoos ist die Routenführung eingezeichnet. Entlang der Strecke sind leuchtend rote Linien in den Schnee gepinselt, hinter denen sich das Publikum aufstellen darf. Personal sorgt dafür, dass übereifrige Fotografen die Strecke nicht blockieren.

Und dann kommen sie, hübsch gemütlich und sich gelegentlich umschauend. Ein Dutzend Königspinguine, die zweitgrößte Pinguinart der Welt. Die Besucher stehen dicht gedrängt an der Strecke, wer in der ersten Reihe steht, kniet sich hin, so gehört sich das hier, damit die Leute dahinter auch noch was sehen. So auch ich. Auf einmal bleiben sie stehen. Direkt vor mir. Die großen Vögel drehen sich in verschiedene Richtungen, und man fragt sich, wer hier wen betrachtet. Vor mir baut sich ein stattliches Exemplar auf und mustert mich von oben bis unten. Ich darf die Pinguine nicht anfassen, aber weiß der, dass er mich auch nicht anknabbern darf? Nach ein paar Minuten setzt sich die Kolonne wieder in Bewegung und marschiert lässig in ihr Gehege zurück.

Im Pinguinhaus lese ich später einen Hinweis, dass der Ausflug nur stattfindet, wenn die Pinguine auch wollen. Wer nicht mitlaufen will, bleibt im Gehege. Und wenn keiner Lust hat, fällt der Spaziergang eben aus. Aber anscheinend sind die Herrschaften dem Ausgang sehr zugetan. Bringt ja auch Abwechslung in so ein Pinguinleben: „Komm, wir gehen Menschen gucken.“

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