Naha – Hauptstadt der Tropen

Aller guten Dinge sind drei, und so gibt es Okinawa, Okinawa und Okinawa. Da hätten wir zunächst die Präfektur Okinawa, also den Verwaltungsbezirk, in dem die tropischen Inseln Japans liegen. Eine der Inselgruppen innerhalb dieser Präfektur heißt ebenfalls Okinawa. Und die Hauptinsel dieser Okinawa-Inseln heißt – Überraschung! – Okinawa-Honto. Konsequenterweise hätte man die Hauptstadt der Präfektur Okinawa, die auf Okinawa-Honto liegt, eigentlich auch gleich Okinawa nennen können. Sie heißt aber tatsächlich Naha (nicht zu verwechseln mit Nara!). Und ich sage es mal gleich: Naha fühlt sich weder nach Insel noch nach Tropen an, und romantisch ist da auch nix.

Schon beim Anflug denkt man sich: Oha! Hochhäuser und Bebauung, so weit das Auge reicht. Naha hat über 300.000 Einwohner, und die wollen irgendwo wohnen. Und dann sind da noch die Touristen. Zwei Millionen haben letztes Jahr Japans tropische Inseln besucht, und Naha ist die Ausgangsbasis für die Flüge bzw. Fährfahrten auf die kleineren Inseln. Durchs Zentrum der Stadt schwebt auf Stelzen eine Einschienenbahn. Außerdem gibt es ein großes Busnetz. Der Verkehr auf den Hauptstraßen kann mit jeder deutschen Großstadt mithalten. Der Strand scheint unerreichbar weit weg. Einziger Pluspunkt: das Wetter ist nicht übel. Über 20 Grad an Weihnachten lassen sich aushalten.

Kitsch, Keramik und frischer Fisch

Unser Hotel liegt in der Nähe der Kokusai-dori, der Haupteinkaufsstraße. Ein Souvenirladen reiht sich an den nächsten, und aus jedem plärrt eine andere Musik, mal traditionell, mal Last Christmas. Das Angebot der Läden unterscheidet sich nur marginal. Alle bieten sie Naschwerk mit roten Süßkartoffeln an, ebenso süß-salzige Okinawa-Kekse. Löwenartige Hunde namens shiisa, die hier auf jedem Hausdach zu finden sind, kommen für Touristen in allen Größen und Darreichungsformen: vom Kühlschrankmagneten über Aschenbecher bis hin zu riesigen Keramikfiguren für den Garten (internationaler Versand möglich). Dazu T-Shirts, Flipflops und Strandtaschen. Eine Leckerei fällt mir zudem besonders auf: Ananaskuchen. Der sieht genau so aus, wie der, den meine taiwanesischen Klassenkameraden immer als DIE Spezialität aus Taiwan anpreisen. Aber ja, Taiwan liegt quasi um die Ecke.

Wir biegen ab in die überdachte Einkaufspassage Ichibahon-dori. Hier ist es nicht besser, aber wir müssen da durch, wenn wir auf den Daichi Makishi Kosetsu Ichiba wollen, den Markt. Dort gibt es eingelegtes Gemüse, Fleisch (vor allem vom Schwein) sowie Fisch und Meeresfrüchte. Letztere so frisch, dass sie meist noch zappeln. Leuchtend bunte Tropenfische sind da im Angebot, ebenso der giftige Kugelfisch. Riesige Hummer, Krebse in verschiedenen Varianten und gigantische Muscheln. Wir lernen später in einem Restaurant, dass deren Fleisch offensichtlich herausgelöst, zubereitet, und zum Servieren wieder in die Muschelschale gelegt wird. Wer spontan Hunger bekommt: Fisch kaufen und eine Etage höher in einem der Restaurants zubereiten lassen.

Hunger haben wir noch nicht, aber ein Kaffee wäre nicht schlecht. Gegenüber gibt es ein Café, das den Milchschaum des Café Latte mit Sirup aus Zuckerrohr verfeinert. Zuckerrohr wird hier auf den Inseln angebaut, und man kann im Café gleich ganze Zuckerblöcke kaufen oder Bonbons, die eigentlich eher Zuckerwürfel sind und ein bisschen wie Malzbonbons aussehen und schmecken. 

Der alte Königssitz

Nach so viel Kommerz ist es Zeit für Kultur. Mit der Bahn fahren wir raus aus dem Zentrum und besuchen die Burg Shuri (großes Foto ganz oben). Womit es jetzt Zeit wäre für den ersten historischen Diskurs. Die Inseln, die auch als Ryukyu-Inseln bekannt sind, waren von 1429 an ein unabhängiges Königreich, das eher mit China als mit Japan Handel trieb, und von dort entsprechend kulturell beeinflusst wurde. Waffen waren in dieser Zeit verboten, weswegen die Inseln 1609 mühelos von Japan eingenommen werden konnten. Der König wurde ein tributpflichtiger Vasall des Shoguns, die Inseln wurden aber zunächst nicht als Teil Japans, die Einwohner nicht als Japaner betrachtet. Erst 1879, nach der Wiedereinsetzung des Kaisers, wurde die Präfektur Okinawa gegründet und die Inseln Teil des Kaiserreichs. Jetzt wurde massiv versucht, lokale Gebräuche abzuschaffen und die Inselbewohner zu japanisieren.

Die Burg Shuri war der Sitz der Ryukyu-Könige. Während ich japanische Burgen eher kompakt, mehrere Etagen hoch, weiß getüncht und fast unverziert kenne, kommt diese hier breit, rot und mit Drachen üppig bestückt daher. Der chinesische Einfluss ist unverkennbar. Die Anbauten jedoch sind sehr japanisch, mit Tatamimatten und Teezimmern. Die Ryukyu-Könige haben sich offensichtlich aus Japan und China das jeweils Beste ausgesucht und hier vermischt. Die meisten Räume stehen heute leer. Im Thronsaal aber steht tatsächlich noch ein Thron (links). 

Historische Spuren im Untergrund

Wir haben noch einen weiteren Tag in Naha, und machen trotz der kommerziellen Verlockungen mit Kultur weiter. Das Museum der Präfektur Okinawa fasst die Geschichte des Inselreichs zusammen. Von steinzeitlichen Skeletten über die Kultur des Ryukyu-Königreichs bis hin zu den Schreckensjahren des Zweiten Weltkrieges. Wer möchte, kann zudem noch die Kunstsammlung der Präfektur ansehen, die vor allem Werke von Künstlern aus Okinawa zeigt.

Und hier kommt historischer Diskurs Nummer zwei: Im Zweiten Weltkrieg wurden die Inseln von den Amerikanern eingenommen. Okinawa hat sich allerdings nicht kampflos ergeben. Insgesamt starben im Krieg um die Inseln über 200.000 Menschen, rund 120.000 davon Inselbewohner. Erst 1972 wurde Okinawa offiziell wieder an Japan zurück gegeben, aber bis heute unterhält das US-Militär zahlreiche Stützpunkte hier in den Tropen, ab und zu kann man sogar Kampfjets über der Stadt sehen.

Den Ort, an dem die japanischen Soldaten bis zum Ende kämpften und sich schließlich ergaben, kann man ebenfalls besichtigen. Mit dem Bus fahren wir aus dem Zentrum raus, denn dieser Ort ist ein von den Soldaten von Hand gegrabenes Tunnelsystem von rund 450 Metern Länge, das heute als unterirdisches Hauptquartier der Marine bekannt ist. Bis zu 4.000 Soldaten waren hier untergebracht. Den zahlenmäßig weit überlegenen Amerikanern hatten sie allerdings nicht viel entgegenzusetzen. Wohl wissend, dass sie sterben würden, stürmten die Soldaten den Amerikanern ein letztes Mal entgegen. Ihre Führungsoffiziere wollten der Schande einer Gefangennahme entgehen, und begingen wie einst die Samurai Selbstmord. Statt sich in ein Schwert zu stürzen haben sie sich allerdings im Tunnel mit einer Handgranate in die Luft gesprengt. Die Schäden, die dabei an den Wänden entstanden sind, sind noch zu sehen. 

Rund 250 Meter des Tunnelsystems kann man besichtigen. Es herrschen dort unter der Erde erstaunlicherweise recht angenehme Temperaturen. Hier und da wurden ein paar Möbel in die Räume gestellt, meist muss man sich aber auf Basis der zweisprachigen Erklärungen und von Zeichnungen vorstellen, wie es hier wohl war. Dort, wo Menschen gestorben sind, stehen Buddhastatuen, vor die die Besucher Münzen geworfen haben. Der Raum, in dem die Handgranate gezündet wurde, ist weiß getüncht – wohl, um allzu drastische Spuren zu übermalen. Ein seltsamer und vor allem berührender Ort. Aber er vervollständigt das Bild von der Geschichte der Inseln.

Von rechts auf links in einer Nacht

Naha bzw. Okinawa-Honto ist bei den Japanern für Urlaub im eigenen Land sehr beliebt. Von ganz Japan aus gehen Flüge auf die Insel. Während auf der Hauptstraße die Restaurants mit englischen Speisekarten werben, hängen in den Seitenstraßen die Menüs nur auf Japanisch aus. Im Restaurant gibt es dann oft eine einzelne (recht abgegriffene) Touristenkarte, in der die japanischen Texte mit handschriftlichen englischen Beschreibungen überklebt wurden. Am besten orientiert man sich aber an den Bildern.

Wer wirklich das Gefühl haben will, in den Tropen und auf einer Insel zu sein, der sollte von Naha aus aber noch weiter auf eine der kleineren Inseln reisen. Ich bin froh, dass wir noch auf Kumejima waren, das war wirklich entspanntes Inselleben. Naha dagegen fühlt sich an, wie jede beliebe japanische Stadt (rechts). 

Damit Japaner sich hier auch wie in Japan fühlen können, musste die Regierung von Okinawa in den späten 70er Jahren aber erst noch eine Herausforderung meistern. Auf den Inseln herrschte nämlich Rechtsverkehr, der Amerikaner wegen. In Japan aber fährt man links. Am 30. Juli 1978 wurde ab Mitternacht Linksverkehr eingeführt. Im Präfekturmuseum kann man in einem Film sehen, wie ein Heer von Straßenarbeitern in der Nacht Schilder umdrehte, Straßenmarkierungen neu machte und Zufahrten umbaute. In jedem anderen Land wäre bei sowas wohl Chaos ausgebrochen. Aber wir sind hier ja zum Glück in Japan.

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