Japans schräge Schreine

Religion ist eine ernste Sache. Aber manchmal muss ich doch schmunzeln, wenn ich den ein oder anderen Schrein bzw. Tempel besuche. Denn in Japan kann man für und gegen alles beten, und es gibt Götter, die sich auf Dinge spezialisiert haben, von denen unsereins nie annahm, dass es dafür eines Gottes bedarf. Über den Oktopus-Tempel mitten in Kyotos belebter Einkaufsstraße Shinkyogoku-dori habe ich vor einigen Wochen schon berichtet. Hier eine kleine Auswahl weiterer außergewöhnlicher Schreine und Tempel, die ich in den letzten Monaten besucht habe. Als Faustregel zur Unterscheidung der Religionen gilt dabei: ist es ein Tempel (otera), sind wir bei den Buddhisten. Reden wir dagegen von einem Schrein (jinja), handelt es sich um ein shintoistisches Heiligtum. Wobei die Japaner da flexibel sind. Es ist durchaus üblich, mit einem Neugeborenen in den Schrein zu gehen, damit es dort gesegnet wird, zur Hochzeit entweder einen Schrein oder auch eine (zum Teil nicht einmal echte) Kirche zu besuchen und eine Beerdigung nach buddhistischem Ritus durchzuführen.

Geldwäsche auf japanische Art

Im Suwa Schrein in Nagasaki gibt es eine kleine Quelle, in der man sein Geld waschen muss, um finanziellen Erfolg zu haben. Und diese Geldwäsche ist wörtlich zu nehmen. Neben der Quelle hängen extra kleine Körbchen, in die man seine Münzen legen und anschließend mit dem heiligen Wasser übergießen kann. Meine erste Million ist damit in greifbare Nähe gerückt! In diesem Schrein gibt es zudem einen kleinen Steinlöwen, der Wünsche erfüllen kann. Die Damen des leichten Gewerbes haben diesen Löwen in früheren Zeiten gerne umgedreht, so dass sein Hinterteil zu den Göttern zeigte. Sie hofften, der Zorn der Götter angesichts dieses Affronts würde einen Sturm bringen, und die Seeleute – ihre Hauptkundschaft – müssten ein bisschen länger in der Stadt bleiben.

Schönheit von Gottes Gnaden

In Kyoto steht auf dem Gelände des Shimogamo Schreins auch der Kawai Schrein (bitte nicht mir kawaii = niedlich verwechseln). Hier beten Frauen für Schönheit, und das auf eine sehr außergewöhnliche Art. In allen Schreinen kann man Holztäfelchen kaufen, die so genannten ema. Diese beschriftet man mit seinen Wünschen und lässt sie im Tempel zurück. Regelmäßig verbrennen die Priester die ema im Rahmen einer Zeremonie. Im Kawai Schrein sehen diese Tafeln aus wie kleine Handspiegel. Wer für sein Aussehen beten will, muss auf dieses Täfelchen sein Gesicht malen. Idealerweise sollte man dazu sein Schminkköfferchen mitbringen und mit dem eigenen Lippenstift, Eyeliner, etc. arbeiten. Zur Not tun es aber auch die Buntstifte, die der Schrein zur Verfügung stellt. Bevor man das Täfelchen in die dafür vorgesehenen Fächer steckt, muss man vor dem Hauptschrein beten und dabei in den dort angebrachten Spiegel blicken.

Wo das feuchte Gewerbe betet

Der Hozen-ji Tempel in Osaka liegt in einer kleinen Gasse im rummeligen Ausgehviertel Dotombori. Die Statuen im Tempel sind dick mit Moos bewachsen und ein ungewöhnlicher Anblick. Der Tempel wirkt sehr würdevoll und Touristen stehen Schlange, um die Figuren traditionsgemäß mit Wasser zu übergießen. Ob sie wissen, wer das sonst üblicherweise tut? Der Tempel ist nämlich beliebt bei Menschen, die im nächtlichen Gewerbe aktiv sind, was gerne als „Wasserhandel“ umschrieben wird. Und tatsächlich findet man im Viertel zwischen grundsoliden Läden und Restaurants auch Etablissements des horizontalen Gewerbes, die sogar neben dem Eingang eine Preisliste aushängen haben (Rabatte sind möglich).

Die Dame auf der Schildkröte

Die Atombombe auf Nagasaki hat auch den ersten Fukusai-ji Kannon Tempel zerstört. 1979 wurde der jetzige gebaut (großes Bild ganz oben). Die Form – die buddhistische Göttin Kannon auf der heiligen Schildkröte – ist schon sehr außergewöhnlich. Aber der Tempel beherbergt auch das drittgrößte Foucault’sche Pendel der Welt (St. Petersburg und Paris haben noch größere), mit dem die Erdrotation dargestellt werden kann. Die Idee dahinter: so wie die Erde sich ewig dreht, so will man hier auch für ewigen Frieden beten. Das Pendel ist 25 Meter lang und oben in der Statue der Göttin festgemacht. Das untere Ende befindet sich im Keller des Tempels. Wenn man es besichtigen will, muss man nur die Treppe neben dem Tempel runtergehen, die Kellertür ist unverschlossen.

Der Gott der Füße

Auf dem Rückweg vom Katzenbahnhof in Kishi bot sich die Gelegenheit, zwei außergewöhnliche Schreine in Wakayama zu besichtigen. Im Ashigami-jinja residiert der Gott der Füße, weswegen der Schrein naturgemäß bei Athleten sehr beliebt ist, die, wie man vor Ort auf Fotos sehen kann, gerne in Mannschaftsstärke und im Trikot vorbei kommen. Statt der üblichen hölzernen ema gibt es in diesem Schrein Strohsandalen, die man mit seine Wünschen beschriften und aufhängen kann. Man muss diesen heiligen Ort nur finden, denn er liegt etwas versteckt zwischen Reisfeldern und traditionellen Wohnhäusern. Will sagen: die wirklich Fußkranken schaffen es nicht unbedingt problemlos dorthin.

Wo Japans Bäume herkommen

Der Legende zufolge hat der Gott des Waldes, Itakero-no-mikoto, die japanischen Inseln mit Bäumen bepflanzt. Er wird im Itakiso-jinja in Idakiso (Wakayma) verehrt. Der Schrein ist naturgemäß sehr beliebt bei der Holzindustrie, die hier für gute Geschäfte bzw. für sicheres Arbeiten im Wald betet. Die Gottheit hat zudem die Kraft, Unglück abzuwenden und Krankheiten zu heilen. Dazu muss man durch ein Loch in einem alten Baustamm kriechen. Und ich sage es mal so: die Größe des Lochs ist für zierliche Japaner bemessen. Der durchschnittliche Europäer muss sich ein bisschen winden, schafft es aber, wenn er eher hochkant als quer durchkrabbelt. Wahrscheinlich hat der Waldgott da schon das erste Mal helfend eingegriffen und einen vor der Peinlichkeit des Steckenbleibens bewahrt. Die Sache funktioniert also bestens!

Beten fürs Haustier

In Uji, knapp 30 Minuten Zugfahrt von Kyoto entfernt, bin ich eher zufällig im Hashidera-hojoin Tempel gelandet. Der erste Teil des Tempelnamens übersetzt sich als „Brückentempel“, denn der heilige Ort ist eng mit der Brücke über den Ujigawa Fluss verbunden, die gegenüber liegt. Was mich aber viel mehr fasziniert hat: es gibt dort ein kleines Ehrenmal für verstorbene Haustiere, das nicht nur mit Tierfiguren dekoriert ist. Als Opfergaben stehen hier neben Blumen auch Dosen mit Hunde- und Katzenfutter. Dass ein solcher Ort gerade hier existiert, hängt mit dem zweiten Teil des Tempelnamens zusammen. Hojoin ist eine Zeremonie im Buddhismus, bei der Tiere wie Fische oder Vögel in die Freiheit entlassen werden, um so symbolisch zu zeigen, dass alle Lebewesen miteinander verbunden sind.

Hasen der Liebe

Im berühmten Gion-Viertel von Kyoto, einem der Bezirke, in dem man traditionelle Teehäuser findet, in denen Geishas arbeiten, liegt auch der Yasaka Schrein. Der fällt unter anderem auf, weil eine Marmorskulptur am Eingang prominent einen Hasen zeigt. Neben hölzernen ema-Tafeln in Herzform bekommt man hier optional auch kleinen Keramikhäschen, die man mit seinen Wünschen beschriften kann. Hier betet man für die Liebe! Denn verehrt werden hier unter anderem zwei Götter, die ein Liebespaar waren. Die Skulptur zeigt allerdings den Schwiegersohn der beiden, der als Gott der Beziehungen fürs Zwischenmenschliche zuständig ist – und der Legende nach einst einen verletzten Hasen gerettet hat. Im Schrein gibt es noch mehr Optionen, sein Leben zu verbessern. So kann man hier auch für ein langes Leben beten und sich mit heiligem Wasser das Gesicht betupfen, was der Schönheit dienen soll.

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