Japanische Maskerade

Wer in Japan einen Mundschutz trägt, muss deswegen noch lange nicht im Krankenhaus arbeiten. Ganz im Gegenteil. Mundschutz wird auf der Straße, im Büro und beim Einkaufen getragen. Im Kino ebenso wie im Tempel oder in der Bahn. Also eigentlich immer. Die Japaner nennen das Ding einfach Maske, was sich auf Japanisch masuku ausspricht. Und jeder hat so seine eigenen Gründe, eine aufzusetzen.

Natürlich wollen viele Japaner vermeiden, krank zu werden. Vor allem Berufsgruppen mit viel Kundenkontakt setzen auf das Stückchen Zellstoff mit Gummiband. Im Supermarkt um die Ecke zum Beispiel gibt es eine wahnsinnig nette Kassiererin, die ich aber noch nie ohne Maske gesehen habe. Viele Busfahrer tragen ebenfalls eine. Auch Pendler, die in überfüllten Bussen und Bahnen unfreiwillig auf Tuchfühlung gehen, setzten eine Maske auf. Man trägt das gute Stück aber auch und gerade, wenn man selber krank ist. Denn ein Grundpfeiler der japanischen Kultur ist es, anderen keine Unannehmlichkeiten zu bereiten. Also behält man seinen Schnupfen für sich und trägt Maske, so lange man krank ist.

So weit, so normal. Aber die Maske hat sich inzwischen zu einem gesellschaftlich akzeptierten Ac­ces­soire entwickelt, das auch anderen Zwecken dient. Keine Zeit gehabt, sich zu schminken? Ab unter die Maske. Nicht rasiert? Mit Maske merkt es der Chef nicht. Ein Pickel mitten im Gesicht? Zellstoff drüber! Schüchtern? Mit Mundschutz fühlt man sich gleich ein bisschen unsichtbarer. Manch einer will auch einfach nicht erkannt werden. Ich las in einem Artikel von einer jungen Japanerin, die auf YouTube ein Star ist und sich daher nur mit Maske in der Öffentlichkeit bewegt, um nicht von Fans belästigt zu werden. Kurz und gut: in Japan werden jährlich rund 3 Milliarden dieser Masken verkauft, weil jeder irgendwann mal eine trägt.

Bunt, parfümiert und mit Sonderausstattung

Dass die Japaner so bereitwillig Maske tragen, verdanken sie ihrer Regierung. Die hat nämlich während der Spanischen Grippe 1918 bis 1920 das tragen eines Mundschutzes zum ersten Mal aktiv beworben und seitdem immer wieder, wenn zum Beispiel SARS oder die Vogelgrippe Schlagzeilen machen. Und die Masken-produzierende Industrie arbeitet mit Werbekampagnen und immer neuen Modellen fleißig daran, dass die Lust der Japaner an der Maske anhält.

Nun haben wir Schnupfenzeit, und es hat mich erwischt. Was in diesem Land schon alleine deswegen eine Herausforderung ist, weil man sich hier die Nase nicht in der Öffentlichkeit schnäuzt. Ich muss mich dazu auf der Damentoilette verstecken. Heute hatte ich dann aber auch noch einen Friseurtermin, und als kultursensible Neubürgerin will man sich ja gut integrieren. Also flugs auf dem Weg zum Haare schneiden im konbini eine Maske gekauft. Und da hatte ich schon die Qual der Wahl aus einem halben Dutzend Modellen. Zum Haare waschen musste ich meine Maske absetzen, zum Schneiden durfte ich sie aber wieder anlegen. Leicht bizarr, so mit Mundschutz in den Spiegel zu gucken. Meine Friseurin trug aber auch einen.

Angesicht der Wahlmöglichkeiten im konbini habe ich nach der Schule noch ein bisschen Marktforschung im Drogeriemarkt betrieben. Hier stand ich vor einer ganzen Wand mit Masken! Das Bild oben zeigt nur einen Teil davon. Verschiedene Größen und Farben. Mit Pollenfilter und Aktivkohle. Spezielle Modelle für Brillenträger. Für den Mann von Welt kernig-futuristisch in schwarz. Für die Damen in einem Farbton namens Baby Pink. Außerdem gibt es Masken mit Geruch. Pfefferminze erschließt sich mir da noch. Aber wer möchte den ganzen Tag Erdbeeraroma oder Weintraube in der Nase haben?! Muss man mögen …

Ach ja, ich trage jetzt Hello Kitty! – was sonst?!

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