Männer im Lendenschurz

Da stehen nackte Männer auf der Straße! Und die haben alle keinen Sixpack. Eher im Gegenteil. Es ist halb sieben in der Früh, und ich habe mich aufgemacht, um bei einem Sumo-Training zuzuschauen. Das geht in Tokyo relativ problemlos, allerdings bleibt man Zaungast. Will sagen: in die Trainingshalle kommt man nicht rein, man darf nur durchs Fenster schauen. Aber die sumotori oder rikishi, wie die Ringer heißen, binden sich den Lendenschurz mitten auf der Straße und wärmen sich auf dem Zebrastreifen auf. Und ich bin plötzlich mittendrin.

Der beya – das wird in der Regel mit Sumostall übersetzt, leitet sich aber einfach von dem japanischen Wort für Raum ab – liegt mitten im Wohngebiet. Was durchaus passend ist, denn ein beya ist nicht nur ein Ort zum Trainieren. Die Sportler leben hier auch, und das in einem streng hierarchischen System, innerhalb dessen sie sich hocharbeiten müssen. Wer wo in der Hierarchie steht, wird in den nächsten zweieinhalb Stunden subtil aber doch deutlich. Doch erstmal müssen die Herren sich anziehen, die meisten kommen nämlich mit nichts weiter als einem um die Hüfte geschlungenen Handtuch zum Training. Gegenseitig helfen sie sich, den meterlangen Gürtel (mawashi) zu wickeln.

Der Trainer guckt weg

Blick durchs Fenster: der Ring wird vorbereitet

Der Trainingsraum ist schlicht. Holzgetäfelt, mit einem kleinen Schrein an der Wand, einer Bank für die Trainer und einer langen Handtuchstange. Der Boden ist mit Sand bedeckt, auf dem der dohyo, der Ring aus geflochtenem Reisstroh liegt, in dem gekämpft wird. Der Sand wird zunächst glatt gefegt und mit Wasser besprengt. Viele Kämpfer wickeln sich Tape um die Füße. So, wie die sich später über den Sand schieben, nachvollziehbar. Denn um sich dem Gegner mit vollem Körpergewicht entgegenzuwerfen, muss man die Füße ordentlich in den Boden stemmen.

Die simple Grundregel beim Sumo lautet, den Kontrahenten irgendwie aus dem dohyo zu bugsieren oder ihn innerhalb des Rings zu Boden zu werfen. Dafür gibt es dann aber ein kompliziertes Regelwerk und 82 verschiedene Siegtechniken. Jetzt dürfen aber zunächst mal die Nachwuchskämpfer in den Ring. Sie sind im Vergleich zu den älteren sumotori schmächtig, versuchen aber trotzdem, diese aus dem dohyo zu schieben. Nach jeder Trainingseinheit bedanken sie sich mit einer kleinen Verbeugung bei dem älteren Kämpfer, der sich ihnen als Übungspartner zur Verfügung gestellt hat.

Nun trudelt auch der Trainer ein, wird im Chor begrüßt, setzt sich hin und … liest die Zeitung. Und die Werbeprospekte aus der Zeitung. Dann kommt die Katze des beya auf seinen Schoß, und er krault sie ausgiebig. Seine Sportler würdigt er keines Blickes. Nur sehr selten sagt er während der nächsten Stunden etwas. Aber wenn, dann wird es ohne Widerspruch akzeptiert.

Nachwuchskämpfer

Liegestütze auf der Straße

Beim Training wird auch sonst wenig gesprochen, es gibt dafür viele rituelle Ansagen, etwa kurz bevor die Gegner sich aufeinander stürzen. Die übrigen rikishi schauen den Kämpfern zu, während sie sich weiter aufwärmen, den Lendenschurz nochmal nachziehen oder sich die Haare machen. Zwischendurch wird immer mal wieder der Sand gefegt und nass gemacht. Es wird viel gestöhnt und zumindest im Ring herrscht großer Ernst. Wer im dohyo erst einmal fertig ist, geht vor die Tür. Da sieht man schonmal ein Lächeln, aber auch hier wird weiter trainiert. Liegestütze mitten auf der Straße.

Die Gewichtsklasse der Kämpfer steigt, und damit auch ihr Rang. Die mächtigen Leiber sind schnell schweißnass und Sand klebt an ihnen. Nicht selten kracht ein Kämpfer mit seinem vollen Gewicht in die Wand oder die Ausstattung. Um acht Uhr humpelt der erste und holt sich einen Eisbeutel. Er bleibt nicht der einzige. Blaue Augen und blutige Striemen gibt es ebenfalls. Interessanterweise trainieren die sumotori kaum mit Geräten. Sie schieben sich fürs Krafttraining einfach gegenseitig über den Sand und nehmen zum Gewicht stemmen einen anderen Ringer auf den Rücken. In einer Ecke des Raums steht eine hölzerne Säule, auf die schlagen die Kämpfer mit der flachen Hand ein.

Es wird gewichtiger

Je weiter der Morgen fortschreitet, um so mehr Zaungäste finden sich ein. Darunter auch Japaner, vor allem ältere. Aber die Mehrzahl sind doch Touristen. Die sumotori tun so, als wäre die Ausländerschar mit den Kameras nicht da. Es hängen aber Regeln aus, Blitzlicht ist verboten ebenso wie lautes Sprechen. Die Ringer müssen sich trotz der Zaungäste konzentrieren können.

Langsam leert sich der Trainingsraum, die jüngeren Kämpfer sind schon gegangen. Nach zweieinhalb Stunden habe auch ich genug, Das waren eine Menge fast nackter Männer auf nüchternen Magen. Die Herren bekommen übrigens auch kein Frühstück vor dem Training. Sie müssen ihr Kampfgewicht mit zwei Mahlzeiten am Tag erreichen. Aber die haben es kalorienmäßig in sich. Interessant war es trotzdem. Ich habe mal den Besuch eines Turniers auf die to-do-Liste gesetzt.


Noch ein bisschen Sumo-Wissen für Angeber

Sumo gibt es seit über 1.000 Jahren und die Ursprünge des Sports sind religiöser Natur. Ringkämpfe wurden als Teil shintoistischer Feste zum Dank für eine gute Ernte ausgetragen. Der Sport wurde am Kaiserhof beliebt, dort wurden auch erste Regelwerke aufgestellt. Nach der Entmachtung des Kaisers durch das Shogunat gehörte Sumo lange zum Training für Samurai und wurde damit zu einem Volkssport. In der Edozeit war der Ringkampf kurzzeitig verboten und wurden dann für religiöse Feste wieder zugelassen. Es entwickelte sich daraus eine offizielle Sumo-Organisation mit Profikämpfern.

Heute gibt es 46 beya, und jeder Kämpfer muss einem dieser Sumoställe angehören – und diese Zugehörigkeit gilt lebenslang. Vereinswechsel wie beim Fußball gibt es nicht. Die sumotori müssen in der Öffentlichkeit immer traditionelle japanische Kleidung tragen. Sechs Mal pro Jahr finden Turniere (basho) statt, die 15 Tage dauern. Ein Kampf ist oft schon nach Sekunden entschieden, in der obersten Liga sind die Begegnungen auf maximal vier Minuten beschränkt. Die sumotori bringen bis zu 250 Kilo Kampfgewicht auf die Waage, wozu sie zwei Mal am Tag einen kalorienreichen Eintopf essen. Zunehmend finden sich ausländische Ringer im dohyo, u. a. aus Hawaii, der Mongolei und Osteuropa. Einer der aktuellen Topkämpfer ist zum Beispiel der Georgier Levan Gordagze, der unter dem Namen Tochinoshin Tsuyoshi auftritt.

Gewichte stemmen

Der Ring wird vor dem Kampf rituell durch das Werfen von Salz gereinigt, die Kämpfer spülen sich den Mund mit Wasser aus. Das ist ähnlich, wie das Reinigungsritual vor dem Betreten eines Shinto-Schreins. Frauen haben im dohyo nichts zu suchen. Diese etwas antiquierte Regel führte in diesem Frühjahr zu einem medienwirksamen Skandal. Ein Würdenträger (männlich, natürlich) kollabierte bei einer Ansprache im Ring. Zwei Sanitäterinnen eilten dem Mann zur Hilfe und wurden vom Ringrichter zurecht gewiesen, weil sie den dohyo entweiht hatten. Der Verband musste sich später entschuldigen. Auch sonst ist der Sport nicht arm an Skandalen. Kneipenschlägereien, Misshandlungen angeblich nicht hart genug trainierender Nachwuchskämpfer und Wettbetrug machen immer wieder Schlagzeilen.

 

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