landauf & landab: Zu Besuch beim Fukuiraptor

Zu Besuch bei wem?! Na, beim berühmten Fukuiraptor! Einer von fünf Dinosaurierarten, deren Skelette in der japanischen Präfektur Fukui gefunden wurden, weswegen es dort nun ein riesiges Dinosauriermuseum gibt. Was durchaus interessant ist. Aber lange nicht so spannend, wie alles drumherum. Von den Dinosaurierkeksen im Souveniershop über Sauriermülleimer auf dem Gelände bis hin zu meinem absoluten Favoriten: der T-Rex-Rutsche auf dem Spielplatz.

Zunächst mal Obacht an der Bahnsteigkante! Das Dinosaueriermuseum Fukui liegt zwar in Fukui, aber deswegen noch lange nicht in Fukui. Will sagen: Es liegt in der Präfektur Fukui, aber nicht in der gleichnamigen Präfekturhauptstadt. Womit auch hier mal wieder gilt, dass der Weg das Ziel ist. Von Kyoto aus geht es mit dem Schnellzug namens Thunderbird nach Fukui (Stadt). Dort erwartet einen in der Bahnhofshalle schon der erste Fukuiraptor, der Hamlet-gleich den Schädel des Fukuisaurus betrachtet. Wir verlassen nun den Bahnhof von Japan Railway und gehen nebenan in das Bahnhofsgebäude der privaten Linie Echizen Railway. Am Ticketschalter verkauft man gleich Kombitickets für Bahn, Bus und Museum. Das befindet sich in der kleinen Stadt Katsuyama, in der die meisten der Fukuisaurier ausgegraben wurden. Der Zug dorthin ist ein kleines Bimmelbähnchen mit besonderem Service: wir haben eine Flugbegleiterin. Jedenfalls erinnert die Dame in ihrem feschen Kostüm eher an eine Stewardess als an eine Schaffnerin. Sie verstaut freundlich lächelnd im Gang stehendes Gepäck im dafür vorgesehenen Gepäckfach, macht an jedem Bahnhof mit piepsiger Stimme eine Durchsage, verteilt den Fahrplan der Linie für die Rückreise und verabschiedet sich persönlich von jedem aussteigenden Gast. Vielleicht kann Echizen Railway mal Fortbildungen für die Deutsche Bahn anbieten?

Vor dem Bahnhof in Katsuyama stehen lebensgroße Saurierfiguren. Auf dem Shuttlebus zum Museum prangen Saurier. Auf den Bürgersteigen: Saurierfußspuren. Der Bus hält auf dem Museumsparkplatz direkt vorm Restaurant mit dem schönen Namen Saurus Kitchen. Dieser Besuch übertrifft schon jetzt alle Erwartungen. Aber ich weiß, dass es noch besser kommt, als ich das Museum betrete und sehe, dass es vor dem Museumsshop eine Schlange gibt. Die Leute stehen an, um den Kitsch zu sehen, mit dem man ihnen das Geld aus der Tasche zieht. Das verspricht Großartiges.

Knochenharte Liebesbeweise

Ich umgehe den Stau am Shop aber zunächst großräumig und mache mich auf in die Sonderausstellung. Die geht der Frage nach, wie aus Dinosauriern Vögel wurden. Bevor ich aber etwas über die Evolution lerne, lerne ich dies: Selfies vor Dinosaurierskeletten sind diesen Sommer total in. Vor allem bei jungen, verliebten Paaren, die vor alten Knochen ihr Glück knipsen. Es gibt gute Gründe, warum hier überall Plakate mit Selfie-Stick-Verboten hängen. Mit Saurier, versteht sich.

Die Sonderausstellung zeichnet sich durch zwei herausstechende Merkmale aus: Mit Ausnahme der lateinischen Namen der Exponate ist sie ausschließlich auf Japanisch beschriftet. Und: alles so schön bunt hier! Da niemand weiß, welche Farbe Dinosaurier hatten, haben sich die Lackierer der Modelle scheinbar eher von Paradiesvögeln als von Echsen inspirieren lassen. Dies gilt auch für den knallgelben Raptor mit grünen Flecken und rotem Kamm, der am Ausgang steht. Und sich bewegt. Und brüllt. Die ersten kleinen Mädchen heulen, die ersten großen Jungs machen auf dicke Hose. Die ersten Eltern haben den Ausweichsouvenirshop hinterm Raptor entdeckt und geben ihre hart verdienten Yen aus, um die heulenden Mädchen zu beruhigen. Wenn das mal keine Konditionierung ist, die in späteren Jahren zu einem Schuhkauf-Syndrom führt.

Auch ich gehe nun in den Souvenirshop im Eingangsbereich, denn die Warteschlange hat sich aufgelöst. Dies ist nur der erste von mehreren Shops, die ich heute durchstöbere, und das Angebot variiert. Manches ist dabei so schlecht, dass es schon wieder gut ist. Meine Highlights des Tages: diverse Gebäckspezialitäten mit Dinosauriern; getrocknete Fleischstreifen in einer Packung mit Raptor und dem Werbeslogan Fukui Soul Food; ein Deckel für Taschentuchboxen, dank dem dann ein Saurier die Tücher ausspuckt; Kaffee in den Sorten Dinosaur mild und Raptor hard; und natürlich: Hello Kitty im Saurierkostüm – vom Keks bis zur Einkaufstasche aufgedruckt auf alles, was man sich nur denken kann. Durch den Shop hallt es immer wieder glockenhell aus Kindermund okaaaasaaan, was sich mit Maaamaaa übersetzen lässt. Da hat eben wieder jemand was entdeckt, was er oder sie unbedingt haben muss. In diesem Alter hängt das Lebensglück ja oft von einem Plüschtier ab.

In der Höhle des Raptors

Zeit, endlich den Fukuiraptor und seine Kollegen kennenzulernen. Dazu geht es vom Eingang aus mit einer 35 Meter langen Rolltreppe hinab in die Dauerausstellung. Die gute Nachricht vorab: die gibt es zweisprachig (optional zusätzlich mit englischem Audioguide). Erstes Highlight ist ein T-Rex-Roboter, der grollend und röhrend die Besucher erwartet. Der Kopf dreht sich von Seite zu Seite, der Schwanz wedelt, die kleinen Arme zappeln. Das Modell ist wirklich gut gemacht und vor allem japanische Väter lieben es, ihre Kinder in einer Pose zu fotografieren, die danach aussieht, als würden sie gleich aufgefressen.

Kreisförmig arbeitet man sich nun durch die riesige Halle, in der sich Skelette und teilweise animierte Modelle abwechseln. Kleines aber feines Detail am Rande: es gibt bronzene Sauriermodelle für Blinde, die hier die besonderen Körpermerkmale der gigantischen Echsen ertasten können. Ebenfalls bemerkenswert: es gibt Menschen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, im Dinosauriermuseum von Fukui den lieben langen Tag Schilder hochzuhalten, auf denen steht, dass das Fotografieren mit Blitz verboten ist. Mindestens ein halbes Dutzend dieser Hinweisschilderträger schwärmt durch die Ausstellung.

Da Sommerferien sind in Japan, ist das Museum voll, aber die Menge verläuft sich in der riesigen Halle, durch die man so geleitet wird, dass man auch jedes Exponat sieht. In der ersten Runde steht man direkt vor den Skeletten und Modellen und bekommt so eine Vorstellung davon, wie groß die Tiere waren. Dann geht es über eine Rampe hinauf, so dass man dem ein oder anderen Saurier in die Augen schauen kann. Manche Modelle sind einem aber auch jetzt immer noch im wahrsten Sinne des Wortes haushoch überlegen. Über die Rampe gelangt man zugleich in die Etage darüber. Vorher aber fuchtelt noch der Fukuiraptor mit seinen animierten Ärmchen. Er ist deutlich kleiner als der T-Rex, aber hätte unsereins trotzdem gefrühstückt. Ein Abstecher ins Dino Lab erlaubt es vor allem kleinen Besuchern, Nachbildungen von Zähnen und Knochen anzufassen. In der Etage über den Sauriern werden Skelette etwas jüngerer Bewohner dieser Erde wie Mammuts oder Höhlenbären gezeigt. Auch riesige Schildkröten und urzeitliche Wale werden hier ausgestellt.

Das Museum ist der Mittelpunkt eines Komplexes, in dem sich alles um Dinosaurier dreht. Unter anderem gibt es noch den Dino Park, in dem weitere animierte Modelle zu sehen sind. Angesichts der Qualität der Modelle im Museum habe ich die nicht ganz 5 Euro für diese Ausstellung investiert, war aber etwas enttäuscht. Die Dinos hier sind zum Teil älter und weniger gut animiert. Ein Saurier wurde zum Beispiel ganz offensichtlich von einem Schaf synchronisiert. Aber wahrscheinlich bin ich einfach nicht die richtige Zielgruppe, die kleinen Besucher waren jedenfalls begeistert und haben sich anstandslos von ihren Eltern vor jedem (und ich meine: jedem!) Saueriermodell knipsen lassen.

Original (links) und plumpe Mülleimerfälschung (rechts)

Raptorenwissen für Angeber

Und für alle, die es ganz genau wissen wollen, das sind die fünf Saurier aus Fukui: Fukuiraptor kitadaniensis, Fukuisaurus tetoriensis, Fukuititan nipponensis, Fukuivenator paradoxus und Koshisaurus katsuyama. Alle diese Saurier sind mit bekannten Arten verwandt, haben aber spezifische Merkmale, die sie als eigene Unterart klassifizieren. In keiner anderen Gegend Japans wurden so viele einzigartige Saurierskelette ausgegraben, deswegen wurde die Region im letzten Jahr zum nationalen Naturdenkmal erklärt. Informationen zu den einzelnen Sauriern aus Fukui sind auf der Website des Museums zu finden.

Ohne Saurierexpertin zu sein würde ich sagen, wer sich für Urzeitechsen interessiert, wird in diesem Museum auf jeden Fall auf seine Kosten kommen. Für alle anderen gilt: es ist so schön schräg, dass es auf jeden Fall einen Besuch wert ist. Wegen der etwas längeren Anreise muss man aber einen ganzen Tag für diesen Spaß einplanen.

Und zum Schluss hier noch mein persönliches Highlight des Tages: Die T-Rex-Rutsche! Wer die entworfen hat, hat wohl ein etwas angespanntes Verhältnis zu kleinen Kindern …

 

 

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