Igelcafé

In Japan lebt man beengt und klein, Haustiere sind meist verboten. Daher erfreuen sich Tiercafés großer Beliebtheit in diesem Land. In der Regel mit kuscheligen Tieren wie Katzen oder Hunden. Harry Potter sei Dank sind Eulencafés auch nicht unbekannt. So ziemlich das Gegenteil von kuschelig ist aber ganz bestimmt das Igelcafé.

Gezahlt wird hier nicht für Speis und Trank. Stattdessen kann man sich wahlweise 20, 40 oder 60 Minuten mit einem Igel erkaufen. Klingt ein bisschen nach Igel-Bordell, aber die Sache mit dem Anfassen ist klarer geregelt. Auf den Tischen liegen laminierte Verhaltensregeln aus, die dem Igel das Recht geben, mich zu beißen, und mir verbieten, mich darüber zu beschweren. In Kombination mit den Stacheln ist das schonmal respektfördernd.

Nicht ahnend, was genau einen erwartet, und ohne nennenswerte Japanischkenntnisse, um beim Personal mal nachzufragen, wählt man also eine Zeitdauer aus. Von den fünf Mitschülern, mit denen ich unterwegs war, haben sich vier für die 20-Minuten-Variante entschieden. Ich habe gemeinsam mit Iee für 40 Minuten optiert.

Der Raum ist klein und voll mit Terrarien, in denen jeweils ein Igel sitzt. Oder besser gesagt: eingerollt liegt und schläft. Die Schuhe musste man schon vor der Tür ausziehen, nun gilt es, die Hände zu desinfizieren. Dann heißt es warten, bis das Personal einem die stachlige Bestellung bringt.

Auftritt: DER IGEL. Naja, eigentlich nur ein halber, denn zwei Leute müssen sich immer einen teilen. Der Igel kommt in einer Plastikbox – zusammen mit zwei paar Handschuhen. Die kann man, muss man aber nicht anziehen. Ich habe darauf verzichtet, denn anfassen darf man den Igel ohnehin nur an der un-stacheligen Unterseite. Ehrlich gesagt kann man ihn eigentlich nur mal hochheben und das wars. Was will man auch sonst mit einem Tierchen machen, das bis zu 8.000 Stacheln sein Eigen nennt und einen ganz offiziell beißen darf? Vornehmlich angucken. Und ein bisschen knipsen.

Ich will jetzt gar nicht behaupten, dass im Igelcafé nur Friede, Freude, Mehlwürmer herrscht. Unser Modell hatte nach ein paar Minuten die kleine Nase voll von uns und hat uns was Kaltes gezeigt (bei einer stacheligen Kugel ist es schwer, zu bestimmen, wo genau die Schulter ist). Auch an den Nachbartischen war eine Stunde vor Schließung des Cafés die Luft raus bei der Hauptattraktion. Unser Mecki wurde nochmal aktiv, als plötzlich ein Schälchen köstlicher Mehlwürmer serviert wurde (lebende, versteht sich). Die gehören bei der 40-Minuten-Variante mit dazu, wie wir nun erst feststellten. Da waren die 20-Minuten-Kollegen alle schon wieder weg, denn das Personal achtet darauf, dass keiner länger am Igel fummelt als er bezahlt hat. Da sich unser Tierchen nach dem Essen gleich wieder einrollte, haben wir beschlossen, dass wir was für unser Karma tun und ihm für den Rest der bezahlten Zeit die Chance auf ein Nickerchen finanzieren. Ein Mädchen kann schließlich auch nur eine begrenzte Anzahl Fotos von einem handzahmen Igel schießen.

Ach ja, der Igel hat  – selbstredend! – seine eigene Homepage.

2 Gedanken zu „Igelcafé

  1. Süß !!!
    Ich hoffe aber sehr, dass die gesetzlich vorgesehenen Ruhepausen für die Kleinen zwischen den Bespaßungseinheiten eingehalten werden

    1. Mmh, ich sah zumindest, dass sie Zettel an die Igelhäuschen geheftet haben, aus denen sie unsere genommen haben. Ich nehme an, das waren die Stundenzettel, damit sich die Last der Touristenbespaßung auf möglichst viele Stacheln verteilt …

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