Katzen-Insel

Tashirojima

Ein einzelnes kleines und etwas räudiges Kätzchen – das ist alles, was mich im Hafen erwartet. Und sowas nennt sich Katzen-Insel! Verglichen mit dem Langohr-Aufkommen auf der Kaninchen-Insel lässt das hier sehr zu wünschen übrig. Mangels anderer Motive scharren sich die Touristen mit ihren Kameras um dieses im wahrsten Sinne des Wortes dürre Motiv. Irgendwie hatte ich mir diesen Ausflug deutlich haariger vorgestellt.

Ich bin auf Tashirojima, einer kleinen Insel vor Ishinomaki, etwa eine Stunde von Sendai entfernt. Hier gibt es zwei Häfen mit Fischerdörfern. Und das war es so ziemlich. Keine Post, kein Supermarkt, und meinen Müll muss ich Bitteschön am Ende selber wieder mitnehmen. Ein paar Tempel und Schreine, aber die meisten schon halb verfallen. Das Epizentrum des großen Erdbebens mit anschließendem Tsunami von 2011 lag direkt hier vor der Küste. Die Insel selber ist aber relativ glimpflich davon gekommen, weil sie geschützt in einer Bucht liegt, die einen Teil des Tsunami abgefangen hat. Besucher kommen eigentlich nur aus einem Grund: der Katzen wegen.

Schlafen im Katzenhäuschen

Hier müssen doch mehr Katzen zu finden sein. Die Karte, die es auf der Fähre gab, ist künstlerisch wertvoller als geografisch korrekt, und behauptet, das Manga Island, die einzige buchbare Unterkunft auf dieser Insel, wäre ein Katzen-Hotspot. Das Manga Island ist ein Ansammlung von Hütten, die im Stil der japanischen Comics (Manga) schön poppig gestalte wurden. Will sagen: die Häuser haben Katzenohren und die Fenster fungieren als Augen. Was es hier kaum gibt: Katzen. Ganze zwei treffe ich. Als ich in meiner Tasche krame, kommen sie an, in der Hoffnung, ich hätte Futter dabei. Aber bisher habe ich mehr Schilder gesehen, die mir das Füttern von Katzen verbieten, als Katzen.

Ich begehe den Fehler, der künstlerisch wertvollen Karte zu glauben, die auf der deutlich längeren Route entlang der Küste mehrere Katzen eingezeichnet hat. Tatsächlich führt der Weg durch den Wald. Es riecht lecker nach Pinien, hier und da schaut man hinunter auf die Felsenküste und das Meer. Dafür schaue ich in keinerlei Katzenaugen. Nach einer Dreiviertel Stunde komme ich endlich an eine Kreuzung und gehe Richtung Katzen-Schrein. Hier finde ich Dutzende Katzenfiguren, eine äußerst belebte Ameisenstraße und eine einzelne Katze, die mich keines Blickes würdigt.

Ein paar Meter die Straße runter ist ein kleiner Rastplatz, neuerdings sogar mit einem Souvenirshop und der Option, hier eine warme Mahlzeit zu bekommen. Für Besucher die einzige Chance auf Essen. Für die Miezen auch ein wichtiger Futterplatz. Hier stehen dutzende Schüsseln mit Trockenfutter, daneben jede Menge Katzenkörbchen und Pappkartons (wer Katzen hat, weiß, dass kein noch so teures Körbchen mithalten kann, wenn alternativ ein Pappkarton im Angebot ist). Ein halbes Dutzend Katzen lungert hier rum. Zwei weitere liegen auf dem Weg dorthin. Die feline Bevölkerungsdichte lässt wirklich zu wünschen übrig. Weil ich mir mein Essen mitgebracht habe (die neue Raststation hat sich im Internet noch nicht rumgesprochen, das ausreichend Proviant empfahl), gönne ich mir hier nach dem Spaziergang entlang der Küste nur ein Eis. Ein relativ junges Kätzchen würde das gerne mit mir teilen. Ich bleibe hart, auch wenn es herzerweichend miaut.

Lieber Hasen statt Katzen

Die Fähre zum Festland hält an beiden Insel-Häfen, und nachdem ich am unteren ausgestiegen bin, mache ich mich nun auf den Weg zum oberen, um von dort aus wieder zurück zu fahren. Im Hafen liegt jede Menge Ausrüstung der Fischer, entlang des Anlegers finde ich leere Muschelschalen und Seeigel-Gehäuse. Ein windschiefer Schrein steht auf einem Hügel. Eine Plakette zeigt den erstaunlich niedrigen Wasserstand des Tsunami an. Drei, vier Katzen sind träge unterwegs. Eine kommt mal kurz schauen, ob ich Essbares zu verteilen habe, und ist dann schnell wieder weg.

Die Katzen wurden einst zur Schädlingsbekämpfung nach Tashirojima gebracht. Leider hat wohl jemand vergessen, vorher beim Tierarzt vorbeizuschauen und das Thema Geburtenkontrolle zu besprechen. Angeblich kommen heute auf jeden Einwohner der Insel vier Katzen. Was ich nach diesem Ausflug zu bezweifeln wage. Aber vielleicht verbringen die Vierbeiner ihren Tag auch lieber abseits der Touristen. Ich habe mich bei vielen Miezen auch lieber abseits gehalten, die meisten hatten wahlweise entzündete Augen, Bissverletzungen oder Hautkrankheiten. Da sahen die Häschen auf ihrem Eiland besser aus. Wenn ich mich zwischen beiden Optionen entscheiden müsste, würden die Langohren deutlich gewinnen.

Tashirojima
Den meisten Katzen gehen die Besucher am Popo vorbei

Praktische Informationen

Die Fähre von Ishinomaki nach Tashirojima fährt nur drei Mal am Tag, aktuell um 9:00 Uhr, 12:30 Uhr und 15:30 Uhr. Wer die letzte Fähre nimmt, muss allerdings auf der Insel übernachten, zurück geht es nämlich um 7:55 Uhr, 13:55 Uhr und 15:30 Uhr. Ich habe in Ishinomaki übernachtet, theoretisch kann man aber auch als Tagesausflug von Sendai aus die Katzen-Insel besuchen. Ishinomaki selber hat unter anderem noch ein Manga-Museum zu bieten, das aussieht, wie ein Ufo. Außerdem hat hier der Tsunami ziemlich gewütet, daran erinnern verschiedene, gratis zugängliche kleine Museen. Eine gratis App ermöglicht es zudem, sich an verschiedenen Orten in der Stadt Bilder zeigen zu lassen, wie es an genau dieser Stelle nach dem Tsunami aussah.

1 Gedanke zu „Katzen-Insel

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