Japans Antwort auf Walt Disney

Japanische Zeichentrickfilme sind inzwischen auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt und vor allem beliebt, und ein Studio hat es sogar schon zu einem Oscar gebracht: das Studio Ghibli mit Sitz in Tokyo. Das Studio selber kann man nicht besuchen, aber das Ghibli Museum lässt einen eintauchen in eine Welt, die ein bisschen verrückt und sehr, sehr bunt ist.

Die gezeichneten Filme made in Nippon heißen Anime, und Oscar-prämiert ist Chihiros Reise ins Zauberland. Einen goldenen Bären hat der Film übrigens auch bekommen. Weitere auch in Deutschland recht bekannte Produktionen des Studios sind zum Beispiel Mein Nachbar Totoro, Prinzessin Mononoke, Kikis kleiner Lieferservice, Das wandelnde Schloss oder Ponyo. In Japan wachsen Kinder quasi mit diesen Figuren auf, denn es gibt in Sachen Merchandising eigentlich nichts, was nicht mit den Ghibli-Filmhelden zu haben ist.

Ein Haus wie gezeichnet

Eine Viertelstunde vor Öffnung des Museums geht die Schlange schon einmal um die Ecke, und hinter uns wird sie noch länger. Eine Schulkasse ist auch da, in Schuluniform und mit Hütchen, und die Kleinen rufen in froher Erwartung im Chor „To-to-ro, To-to-ro“. Die Figur, eine interessante Mischung aus Eule und Katze, ist in Japan ungemein beliebt und zum Logo des Studios avanciert. Auch in Mitaka am Rande Tokyos, wo das Museum steht, grinst Totoro von Hinweisschildern und Bushaltestellen. 

Das Museumsgebäude ist bunt und sieht aus wie direkt aus einem Zeichentrickfilm entsprungen. Auf dem Dach steht eine fünf Meter hohe Bronzefigur eines freundlichen Soldatenroboters aus einem der Filme. Drinnen führt der Weg etwas verschlungen durchs Haus, es will nicht nur besucht, sondern erkundet werden. Eines der Treppenhäuser ist so eng, dass nur Kinder hindurch passen. Alles wirkt ein bisschen antiquiert und daher ungemein gemütlich. Der Knaller sind die Bleiglasfenster, die jeder Kirche gut stünden – wenn sie nicht die beliebtesten Figuren der Ghibli-Filme zeigen würden. Im Innern des Museum war Fotografieren leider verboten, und an wirklich jeder Ecke stand Personal, das dieses Verbot auch durchgesetzt hat.

Stäbchen zeichnen sich schwerer als Messer und Gabel

Im Museum kann man in der Dauerausstellung Blicke in die Filmproduktion werfen. Ghibli setzt noch auf klassische Techniken und Handarbeit statt auf Computer. Die Eintrittskarte ist daher auch ein kleiner Filmstreifen. Im Kinosaal des Museums werden passend dazu exklusive Kurzfilme gezeigt. Zwar nur auf Japanisch, aber der Textanteil hielt sich in Grenzen. Die aktuelle Sonderausstellung beschäftigt sich mit denkwürdigen Mahlzeiten in Ghibli-Filmen. Dabei habe ich gelernt, dass es für die Zeichner viel schwerer ist, Personen beim Essen mit Stäbchen darzustellen, als bei einer Mahlzeit mit Messer und Gabel. Denn die beiden Stäbchen werden unabhängig voneinander bewegt, das muss man erstmal zeichnen.

Der Museumsshop ist mal wieder eine Welt für sich. Hier kann man vom kleinen Totoro-Anstecker bis zum zumindest preislich hochwertigen Bleiglasbild alles kriegen. Die Schlange für die Kasse passt kaum noch in den Laden. Ähnlich sieht es im Café aus. Kein Einlass mehr, weil wegen voll. Die Leute stehen draußen und warten, dass andere Gäste endlich den Kaffee auf haben und gehen. Und dabei hat das Museum den Einlass schon limitiert. Tickets gibt es nur im Vorverkauf. Ich musste den Umweg über Deutschland gehen und mich als schnöde Touristin ausgeben, um Karten zu bekommen. In Japan gehen am zehnten eines jeden Monats die Tickets für den Folgemonat in den Verkauf. Weiter im Voraus verkauft das Museum nicht. Muss es auch nicht, voll ist es trotzdem.

Für mich war der Besuch auch eine Begegnung mit einer Zeichentrickserie aus meiner Kindheit. Ich habe in jungen Jahren mit schöner Regelmäßigkeit Heidi gesehen. Und da einer der Gründer des Studios zu Beginn seiner Karriere an dieser Serie mitgearbeitet hat, waren auch ein paar Bilder daraus zu sehen. Im Vergleich zu dem, was heute produziert wird, etwas altbacken und einfach. Vor allem aber ein kleines bisschen verrückt, dass der Almöhi von Japanern ins deutsche Wohnzimmer gebracht wurde.

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