Tanuki – das kleine Tier mit den großen Goldbällen

Wer schonmal durch Japan gereist ist, dem sind vielleicht die Keramikfiguren aufgefallen, die überall vor Geschäften und auch Privathäusern stehen und die ein Tierchen zeigen, bei dem man nicht so genau weiß, was es ist. Ein Igel? Ein Bär? Ein Waschbär? Der kleine Geselle zeichnet sich vor allem durch zwei Dinge besonders aus: 1. sehen die Figuren alle irgendwie gleich aus und 2. hat das Tierchen zwischen den Beinen Körperteile in einer Größe zu verzeichnen, die so von Mutter Natur sicherlich nie beabsichtigt war.

Das Tier ist sowas wie der japanische Gartenzwerg, heißt tanuki und ist biologisch betrachtet ein Marderhund. In der getöpferten Variante hat es extrem große Hoden, die als kintama bekannt sind, was sich als Goldball übersetzt. Der Legende nach kann der tanuki selbige vergrößern und zu Werkzeugen umfunktionieren oder als Schlagwaffe einsetzen.

Das Tier gilt heute allgemein als Glücksbringer, das was aber nicht immer so. In alten Mythen ist der tanuki ein mit übernatürlichen Kräften ausgestattetes Untier, das seine Gestalt verändern kann. Über die Jahrhunderte hinweg hat sich das Bild des kleinen Marderhundes aber zum Besseren gewandelt, und heute erfreut er sich großer Beliebtheit. Angeblich kann er nicht nur singen und tanzen, sondern vor allem trommeln, und zwar auf seinem runden Bauch. Der tanuki ist ein kleiner Draufgänger, und sein Strohhut zeichnet ihn als Vagabunden aus. Meist wird er mit einer Flasche Sake in der einen und einem Stapel unbezahlter Rechnungen in der anderen Pfote dargestellt. Wobei er letztere natürlich nie begleicht.

Die Sache mit den Goldbällen hat wohl damit zu tun, dass früher Goldschmiede das Metall in die extrem dehnbare Haut des tanuki gewickelt haben, bevor sie es zu Blattgold gehämmert haben. Aufgrund phonetischer Ähnlichkeiten zwischen den japanischen Worten für Ball aus Gold und Hoden ist die Legende von den Goldbällen des Marderhundes entstanden. Daraus wurde der Aberglaube, das Tier wäre ein Glücksbringer gerade in finanzieller Hinsicht. Bis heute finden sich die Figuren daher vor allem vor Kneipen, Restaurants und Geschäften, wo sie eine ähnliche Funktion haben wie die berühmte Winkekatze.

Ich habe mich extra in den Zoo von Kyoto aufgemacht, um mir das Tier mal live anzusehen. Die Goldbälle fallen doch deutlich kleiner aus und so rund wie in der tönernen Variante ist der echte tanuki auch nicht. Die Sache mit dem Vagabundenleben gehört ebenfalls ins Reich der Mythen, denn der kleine Marderhund lebt monogam und die Herren der Schöpfung sollen sich dadurch auszeichnen, dass sie sich aktiv und liebevoll an der Aufzucht der Jungen beteiligen.

Geld dagegen bringt der echte tanuki vor allem der Pelzindustrie, die ihn züchtet, um daraus Mäntel zu machen. Dank der Pelzzüchter ist er in freier Wildbahn inzwischen nicht mehr nur in seinem ursprünglichen Lebensraum Japan, China, Korea und Teilen Sibiriens zu finden. Über Osteuropa haben sich entflohene tanukis bis Deutschland vorgearbeitet. Genutzt wird aber nicht nur sein Pelz, in einigen Teilen Japans wird auch sein Fleisch gegessen.

Beliebt ist der tanuki hier übrigens nicht nur als Figur, er taucht auch in diversen anime, also japanischen Zeichentrickfilmen auf. Im Spiel Super Mario kommt er ebenfalls vor, denn Mario hat einen tanuki-Anzug. Ohne Goldbälle, allerdings. Im Spiel haut Mario stattdessen mit seinem tanuki-Schwanz auf die Feinde drauf. Auch Hello Kitty! hat einen tanuki-Freund, und im Disneyfilm Zootopia ist einer der Nachrichtensprecher in der japanischen Variante kein Elch, wie bei uns, sondern ein … eben, tanuki!

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